Es gibt im Fußball wenige Dinge, die mehr erschrecken als Langeweile. Ist doch ein Spiel! Muss doch Spaß machen, muss doch aufregen!

Beim HSV sieht die Lage etwas anders aus. Der Verein war in den vergangenen zwei Jahren kein normales Mitglied der Bundesliga. Er war die Lachnummer. Will noch mal jemand ’nen Witz machen? Kein Thema parat? Ach, der HSV, der ging immer.

Deshalb kann der HSV in dieser Saison nur ein Ziel haben, das eigentlich in diesem Gewerbe, das gern als schillernd bezeichnet wird, als Graus gilt: sich verstecken. Die sogenannte graue Maus der Liga werden. Möglichst nicht auffallen. Eben: langweilig sein.

Bislang gelingt das gut. Man könnte sogar sagen, es gelingt dem Verein besser, als es vor der Saison abzusehen war. Der HSV steht auf Platz elf in der Tabelle und damit in jener Region, die von den Europapokalplätzen weit genug weg ist, um irre Träume zu verhindern, und nach unten die große Abstiegsangst nicht aufkommen lässt.

Alles im Soll. Und das, obwohl der HSV am Wochenende gegen Herta BSC Berlin mit 0 : 3 unterging und spielte, als wäre die Mannschaft des letzten Jahres auferstanden und hätte klammheimlich die aktuelle Truppe vom Rasen geschoben?

Ja. Denn auch wenn das Spiel gegen die Berliner furchtbar anzusehen war und auch wenn der HSV in den letzten vier Spielen nur ein einziges Tor geschossen hat: Der Verein steht in der Tabelle besser da als gedacht. Und wer geglaubt hätte, der HSV würde solche Spiele in dieser Saison nicht abliefern, war entweder für mehrere Jahre in der Südsee unterwegs und hat dort nichts vom Bundesligafußball mitbekommen oder leidet an einer starken bis extrem starken Realitätsverblendung.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wer das nicht glaubt, sollte einmal kurz nachschauen, wie es in der vergangenen Saison nach acht Spieltagen aussah. Der HSV hatte fünf Punkte weniger, er hatte insgesamt nur drei Tore geschossen, stand auf dem sechzehnten Tabellenplatz und hatte schon ziemlich früh den ersten Trainer entlassen.

Bruno Labbadia hat in dieser Saison etwas aufgebaut: Er hat der Mannschaft eine Struktur gegeben, die sie dringend brauchte. Er hat eine Achse von Spielern, die das Spiel aufbauen. In der Innenverteidigung Johan Djourou und Emir Spahic, im defensiven Mittelfeld endlich wieder der Chilene Marcelo Díaz, im offensiven Mittelfeld Aaron Hunt und im Sturm Pierre-Michel Lasogga. Er hat die Leidenschaft und den Willen, mit denen überhaupt nur der Klassenerhalt in der vergangenen Saison möglich war, über den Sommer gerettet.

Wenn das alles so ist, wie kann es sein, dass der HSV trotzdem verliert?

Der HSV verliert, weil kein Verein in der Liga so viel aufzuholen hat wie er. Es gibt in der Bundesliga keine Mannschaft, die so zerrüttet war. Es gibt kein Umfeld, das so unruhig war.

Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Aber gerade in einem schnelllebigen Geschäft gibt es nichts, was mehr bewirkt als Konstanz. Deshalb muss der HSV fast froh sein, wenn Einbrüche kommen wie beim Spiel in Berlin. Dass jeder versteht, in welcher Verfassung der Verein immer noch ist.

Es ist ja noch nicht lange her, zwei Wochen gerade einmal, da hatte der HSV sieben Punkte aus drei Spielen geholt, zwei Siege und ein Unentschieden, und in der Stadt gab es schon Schlagzeilen, in denen das Wort "Europa" mit dem HSV in Verbindung gebracht wurde. Wohlgemerkt in dem Zusammenhang, dass der HSV doch vielleicht eine Überraschungsmannschaft werden könnte und auf die Plätze in der Tabelle klettert, die für einen Start in der Europa League berechtigen.

Der HSV ist keine Überraschungsmannschaft. Dafür sind die einzelnen Spieler (auch die eben erwähnten Schlüsselspieler) im Vergleich zu anderen Schlüsselspielern anderer Bundesligisten zu schlecht und dafür ist die Mannschaft insgesamt viel zu wenig eingespielt. Der HSV ist eine Mannschaft, die nie gewinnen wird, wenn sie nicht alles gibt. Die keinen einzigen Punkt holt, wenn sie sich nicht verdammt anstrengt. Die nichts geschenkt bekommt und die aufpassen muss, nicht abzurutschen, wieder abzurutschen, wie in den vergangenen Jahren.

Acht Spieltage. Es wird noch viel passieren. Einer Sache aber sollte sich der HSV schon jetzt bewusst sein: Er muss bis zur Winterpause so viele Punkte wie möglich holen. Das ist sinnvoll für den Entspannungsgrad im Verein. Wirklich wichtig aber ist das wegen des Trainers. Weil Bruno Labbadia bei seinen bisherigen Stationen als Trainer am Anfang immer alle mitriss und punktete, nach und nach aber abbaute, nennen sie ihn den "Hinrunden-Bruno". Und es wäre doch für alle beruhigend, wenn der Hinrunden-Bruno mit möglichst vielen Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge in die Rückrunde startete.