Irgendwann in den nächsten Wochen wird Margrethe Vestager in Brüssel vor die Presse treten. Wann genau, das gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen im Europaviertel. Auch die Journalisten werden von dem Termin erst ein paar Stunden vorher erfahren. Denn die Entscheidung, die die mächtige Wettbewerbskommissarin dann im Untergeschoss der EU-Kommission verkünden wird, ist heikler als fast alle Entscheidungen, die Brüsseler Wettbewerbshüter in den vergangenen Jahrzehnten getroffen haben.

Nicht nur im Firmensitz des amerikanischen Online-Versandhändlers Amazon im fernen Seattle werden die Folgen zu spüren sein und in der Londoner Saint James Street, wo der Autohersteller Fiat Chrysler seit Neuestem sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Vestagers Entscheidung wird vor allem einen Mann in Schwierigkeiten bringen, dessen Büro im selben Gebäude nur ein paar Stockwerke höher liegt: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Denn Vestager muss entscheiden, ob Luxemburg, das Land, das Juncker fast zwei Jahrzehnte lang regiert hat, sich freiwillig zum Handlanger internationaler Großkonzerne gemacht und dabei in mindestens zwei Fällen gegen das europäische Wettbewerbsrecht verstoßen hat.

Juncker ermittelt gegen Juncker, die Kommission gegen den eigenen Kommissionschef – das ist eine der Konsequenzen aus der LuxLeaks-Affäre. Vor bald einem Jahr, am 6. November 2014, hatte eine Reihe internationaler Medien, unter ihnen der WDR, der NDR und die Süddeutsche Zeitung, ausführlich über fragwürdige Steuerpraktiken im Großherzogtum Luxemburg berichtet. Die Journalisten hatten dafür fast 28.000 Seiten vertraulicher Dokumente ausgewertet, darunter Hunderte von Steuervorbescheiden ("Tax-Rulings"), die ein früherer Mitarbeiter des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers entwendet und ihnen übergeben hatte.

Die Unterlagen gaben einen bis dahin einzigartigen Einblick in Absprachen, die die Luxemburger Steuerverwaltung zwischen 2002 und 2010 mit vielen multinationalen Großunternehmen getroffen hatte. Unter Fachleuten sind diese Absprachen seit Langem umstritten. Nun konnte man im Detail nachlesen, wie etwa Amazon, Ikea oder die Deutsche Bank ihre Steuerlast mit großzügiger Unterstützung der Luxemburger Behörden "optimiert" haben. Die Folge: Unternehmen, die in Europa Hunderte Millionen Euro verdienen, zahlen auf diese Gewinne zum Teil fast überhaupt keine Steuern mehr.

Für Jean-Claude Juncker kamen die Veröffentlichungen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Luxemburger war erst ein paar Tage zuvor an die Spitze der EU-Kommission getreten. Ein neuer Anfang sollte das werden – für ihn selbst, nachdem er in Luxemburg abgewählt worden war. Und für die Europäische Union, die noch immer unter den Folgen der Finanz- und Euro-Krise leidet. "Wir sind die Kommission der letzten Chance", so hatte Juncker es am Tag zuvor formuliert. Mit LuxLeaks stand er plötzlich selbst am Pranger.

"Es gibt kein System Juncker", sagt Juncker

Seitdem ist Jean-Claude Juncker auf der Flucht. Er flieht vor unliebsamen Fragen und vor allem, was den Verdacht erhärten könnte, dass ausgerechnet er, der vorbildliche Europäer, lange Zeit gar nicht so vorbildliche Geschäfte zulasten anderer Europäer in seinem Land gefördert haben könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

"Mir geht es nicht darum, Juncker zu überführen", sagt Michael Theurer. "Aber was ich ihm nicht abnehme, ist, dass er nichts gewusst haben will." Theurer ist Europaabgeordneter der FDP und seit Februar Berichterstatter in einem Sonderausschuss, den das Europaparlament nach den LuxLeaks-Veröffentlichungen eingerichtet hatte. Acht Monate lang haben die Abgeordneten versucht, Licht in das Dunkel von Steuerabsprachen und Tax-Rulings zu bringen. Sie haben Tausende von Dokumenten gesichtet, Experten befragt, sie sind nach Luxemburg gereist, in die Niederlande, nach Irland und nach Großbritannien. Sie haben dabei ein ziemlich scharfes Bild davon gewonnen, wie die Firmen, die Steuern vermeiden wollen, agieren. "Ich habe aus dem Wirtschaftsstudium gewusst, dass es Steuerplanung gibt", sagt Theurer, "aber diese Dimension sprengt jeden Rahmen."

Nur eine Frage haben die Abgeordneten bislang nicht beantworten können: Wer trägt die Verantwortung dafür? Vor drei Wochen ist Jean-Claude Juncker endlich vor dem Parlamentsausschuss erschienen. Auf dem Weg in den Saal klatscht er einen der Fotografen ab; vorn angekommen, küsst er den Vorsitzenden des Ausschusses, einen Franzosen. Das Herzen und Winken hat Methode, Juncker hat in Brüssel viele Freunde.

Als er das Wort bekommt, sagt Juncker, er entdecke "diese Steuerfragen nicht zum ersten Mal". Und überhaupt, schnappt er in Richtung der Abgeordneten, sei er wahrscheinlich "einer der wenigen, die hier sitzen, die sich nie mit einer Beratungsgesellschaft getroffen haben". Ein bizarrer, hochmütiger Auftritt. Den früheren AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke, der eine Frage stellt, bespöttelt Juncker als "Professor"; den Grünen-Abgeordneten Sven Giegold spricht er ironisch mit "Herr Sven" an. Als Giegold einmal nachfasst, weil ihm Junckers Antwort nicht ausreicht, herrscht dieser ihn an: "Sie sind nicht zuständig zu entscheiden, wer im Namen der Kommission antwortet."

"Unverschämt" sei Junckers Auftritt gewesen, findet der Liberale Theurer. Auch Giegold wundert sich noch Tage später. Statt die erwartbaren Fragen an sich abprallen zu lassen, hat Juncker seinen Kritikern neue Vorlagen geliefert.

Entschieden weist der 60-Jährige den Vorwurf zurück, er selbst könnte von umstrittenen Tax-Rulings gewusst haben: "Ich habe in Luxemburg kein System zur Steuervermeidung zulasten anderer Länder erfunden. Sie überschätzen mein Talent." Schon im vergangenen November, nach den ersten Veröffentlichungen, hatte er betont, dass die Luxemburger Steuerbehörden in eigener Verantwortung entschieden hätten: "Es gibt kein System Juncker." Tatsächlich gibt es bis heute keinen Hinweis dafür, dass Juncker selbst einzelnen Unternehmen Steuernachlässe in Aussicht gestellt hat. Aber so klein, wie er sich nun macht, ist er in all den Jahren nie gewesen.