Die Schriftstellerin Jennifer Egan © Pieter M. van Hattem/Vistalux

Die Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan, 1962 in Chicago, Illinois, geboren, gilt als die wagemutigste Autorin ihrer Generation. Thematisch absolut zeitgenössisch, analysiert sie eine medial getriebene Epoche. Ihr Roman Look at Me nahm den Terroranschlag von 9/11 vorweg, ein Ereignis, das die Welt veränderte. Formal experimentiert Jennifer Egan mit Impulsen, die sie aus der Musik nimmt, etwa in ihrem Roman Der größte Teil der Welt (2010), oder lässt sich von neuen Medien inspirieren, wie in dem Roman Black Box (2013), der eine Story in Tweets erzählt. Jennifer Egan lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Brooklyn, New York.

DIE ZEIT: Sie haben, wenige Tage vor 9/11, Ihren Roman Look at Me veröffentlicht, in dem ein Terrorist die gläserne New Yorker Skyline zu zerstören droht. Was dachten Sie angesichts der brennenden Türme des World Trade Center?

Jennifer Egan: Diese Tage waren solch ein Horror, so überwältigend furchtbar, mein Mann sah, wie das zweite Flugzeug einschlug, er saß in der Bahn, und es passierte vor seinen Augen. Mein Vermögen, zusammenhängend zu denken, war erst einmal eingeschränkt. Dann kam der furchtbare Gedanke, dass ich eine Komplizin war.

ZEIT: Sie hatten sich einen Terroranschlag ausgedacht, den Atta und seine Männer ausführten.

Egan: Der Gedanke der Komplizenschaft war das Crescendo am Ende einer Serie von Dingen, die schon passierten, als ich an Look at Me arbeitete. Vieles von dem, was ich mir ausgedacht hatte, war Wirklichkeit geworden, noch während ich schrieb. Ich beschäftigte mich mit Voyeurismus, mit der Lust, Menschen in extremen Situationen anzuschauen, dann wurden Realityshows erfunden, und ich dachte: O nein, jeder wird glauben, ich hätte nur kopiert. Ich hatte Leute von CIA und FBI interviewt zum Thema Menschen im Untergrund – aber ein Terrorist aus dem Mittleren Westen? Das erschien doch als sehr unwahrscheinlich. Dann passierte es. Und ich fühlte mich schuldig, weil ich aus der Perspektive von einem geschrieben hatte, für den eine solche Tat wünschenswert schien. Aber es gehört ja zum Schreiben, andere Perspektiven einzunehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

ZEIT: Sie hatten mehr verstanden als die Experten, die Terroristen für dumm und ungebildet hielten. Ihr Terrorist war hochintelligent.

Egan: Meine Blickrichtung war eine andere als ihre. In Look at Me war mein Fokus zuerst auf die Medien gerichtet. Ich interessierte mich für die Bedeutung von Bildern in einer medial durchtränkten Kultur. Der Terrorismus ist ein Epiphänomen dieser Medienkultur, er könnte ohne ein Verständnis dieser Medien gar nicht existieren.

ZEIT: Ihre Heldin, die Gegenspielerin des Terroristen, ist ein Fashion Model. Auch Models sind ein extremes Beispiel für ein Leben, das sich medial abertausendfach in Bildern aufsplittert.

Egan: Charlottes Gesicht wird in einem Autocrash zerstört, es ging mir darum, wie man in sein Leben zurückfindet mit einem anderen Gesicht als dem, auf dessen Anblick die Existenz aufgebaut ist. Es war klar, ihr Gegenpart wird einer sein, der unsichtbar ist, der mal auftaucht, mal verschwindet.