Der Irrsinn einer herbstlichen Prärie-Kaltfront, näher kommend. Es war deutlich zu spüren: Etwas Furchtbares würde geschehen. Die Sonne tief am Himmel, ein winziges Licht, ein erkaltender Stern. Windstoß auf Windstoß der Unordnung. Die Bäume rastlos, die Temperatur fallend, die ganze nördliche Religion der Dinge aufs Ende gerichtet." Mit diesen apokalyptischen Sätzen hebt der erste große amerikanische Roman des 21. Jahrhunderts an: Jonathan Franzens Die Korrekturen. Das Buch erschien wenige Tage vor dem 11. September 2001, vor den Anschlägen islamistischer Terroristen auf das World Trade Center und das Pentagon, dem Angriff auf die westliche Welt. Und so wurde es gelesen und verstanden: als Ausdruck einer kollektiven Erschütterung.

Das geheime Zentrum des Romans liegt im Mittleren Westen, in St. Louis, das hier St. Jude heißt, in einem der weißen Vororte der Stadt. Es ist die Geschichte der Lamberts, einer im Verfall begriffenen Familie. Der Vater leidet an Parkinson und Demenz und soll, wenn es nach seiner Frau geht, schnellstmöglich in ein Pflegeheim. Die Kinder sind längst aus dem Haus, sie leben in der den Eltern am suspektesten Region, an der Ostküste, in Philadelphia und New York: Der eine ist ein erfolgreicher, aber depressiver Banker, der andere ein in Affären und halb kriminelle Machenschaften verstrickter Akademiker; und die Jüngste verliert ihren Job, nachdem sie etwas mit der Frau ihres Chefs angefangen hat. Zu einem letzten Weihnachtsfest möchte die Mutter alle noch einmal vereinen – im Glauben, diese Familienzusammenführung werde die Fehler der Vergangenheit korrigieren, ganz so als könnten alle noch einmal neu starten, wenn sie nur zu ihrem Ursprung zurückkehrten.

Dieser Ursprung aber, der heimische Herd, ist längst ausgebrannt. St. Jude ist nicht mehr die Stadt des amerikanischen Wirtschaftswunders. Midland Pacific Railroad, eins der größten Eisenbahnunternehmen, bei dem der alte Lambert gearbeitet hat, ist in einem noch größeren Unternehmen aufgegangen und nach Arkansas gezogen, und die Stadt selbst hat sich ausgebreitet und ins Umland verlagert, eine Vorortsiedlung reiht sich bis zur Unendlichkeit an die nächste. Highways, Parkhäuser und Shoppingmalls prägen die urbane Architektur und haben in Downtown, wie in so vielen anderen Städten der Gegend auch, eine Leere hinterlassen, die niemand mehr zu füllen vermag. Der Ort, im Herzen der Vereinigten Staaten gelegen, ist zum Nicht-Ort geworden. Und Franzens Helden, aufgewachsen in Wohlstand und Optimismus, haben ihre Sicherheit verloren.

Das Buch kam genau zur richtigen Zeit. Nach dem 11. September war in den USA das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung groß. Das, was die Lamberts im Kleinen zelebrieren, trotz aller Gegensätze noch einmal zu einem finalen Fest zusammenzukommen, um das Wirgefühl zu stärken und sich aneinander aufzurichten, versuchte in den nuller Jahren das ganze Land – auch indem die Regierung einen weltweiten Krieg gegen den Terror führte und dadurch, wie sich jetzt zeigt, noch mehr Terror heraufbeschwor.

Von diesen globalen Entwicklungen ist in den Korrekturen nichts zu spüren. Es ist kein Zukunftsroman, weder inhaltlich noch formal, im Gegenteil: In seiner ungebrochenen charlesdickenshaften Welterklärungsunbedingtheit orientiert sich Franzen stilistisch eher am 19. Jahrhundert als an zeitgenössischen opulenten Experimenten wie Unendlicher Spaß von David Foster Wallace, Mason & Dixon von Thomas Pynchon oder Underworld von Don DeLillo. Wo jene in ihrer Nerdigkeit und Komplexität fast wie Avantgarde-Literatur anmuten, als wären sie bewusst gegen den Massenmarkt geschrieben worden, sind Die Korrekturen Mainstream. Insofern stellt Franzens traditionelle Poetik selbst eine Korrektur dar: die des postmodernen Romans. Anstatt innovative ästhetische Konzepte weiterzuführen, greift er, um der Geschichte willen, auf Bewährtes zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Und das ist vielleicht das Erstaunlichste an diesem Roman, dass er so konventionell erzählt ist und trotzdem nicht verstaubt wirkt. Das liegt zum Teil an der Konstruktion, zwischen den Zeitebenen so geschickt hin und her zu springen, dass man als Leser stets den Überblick behält, zum Teil an Franzens Fähigkeit, epochale technische Neuerungen wie Internet und Mobilfunk nahezu vollständig auszublenden und in der Negation dennoch miteinzubeziehen, zum Teil an seinem bösen, trockenen Humor, etwa wenn er den alten Lambert nach einem Streit mit dessen Frau denken lässt: "Ebenso gut hätte sie ihm vorschlagen können, mit ihr zu schlafen."

Franzen schreibt witzig über seine Figuren, ohne sie jemals zu Witzfiguren werden zu lassen; er ist einfühlsam und sachlich zugleich, präzise und leicht, anschaulich und reflektiert – immer unterhaltsam, aber nie trivial. Mit den Korrekturen ist ihm etwas gelungen, was niemand mehr – er selbst vielleicht am wenigsten – für möglich gehalten hätte: mit anspruchsvoller Literatur ein breites Publikum zu erreichen und zum internationalen Gesprächsthema zu werden. Und das zu einer Zeit, als die von TV-Sendern entwickelten epischen Serien wie Die Sopranos, Six Feet Under oder 24 dem großen Gesellschaftsroman den Rang als Spiegel der Gegenwart abzulaufen drohten.

Fünf Jahre zuvor, im April 1996, hatte Jonathan Franzen im Harper’s Magazine den allgemeinen Bedeutungsverlust des sozialkritischen Romans beklagt und dessen Ursachen analysiert: den Rückzug ins Private, die Vorherrschaft des Fernsehens, die elektronische Fragmentierung des öffentlichen Diskurses, die aufgrund der medialen Konkurrenz schwindende Lesezeit, die totale Kommerzialisierung des kulturellen Lebens.