Wenn man feststellt, dass diejenige, die man liebt, einem nicht mehr allein gehört, sollte man wohl gehen, so ist das im Leben. Der Blogger und Schriftsteller André Herrmann packte also einen Transporter mit der Einrichtung seiner Wohnung voll, schloss die Wohnungstür hinter sich und fuhr, nach einer letzten rauschenden Party, 700 Kilometer Richtung Westen. Bis Brüssel.

Die, die ihm in gewisser Weise nicht mehr allein gehörte, ist seine Stadt, Leipzig. Sie ist im Jahr 2015 kein Geheimtipp mehr, im Gegenteil: "Leipzig", schrieb Herrmann eine Weile vor seinem Abschied, "ist nicht länger eine Stadt, in die man eher zufällig gerät und die dann begeistert, sondern eine Stadt, in die man kommt, weil man sich selbst davon überzeugen will, ob die überall grassierende Begeisterung gerechtfertigt ist." Vieles, was vor ein paar Jahren noch rau gewesen sei, sei heute glatt. Er wünsche sich mal etwas anderes "als einen neuen Indie-Flohmarkt, ein neues Leipzig-Blog oder einen neuen Cupcake-Laden".

Herrmann, 29, ist Autor und Poetry Slammer. Und er ist also vor dem Hype geflohen. Das ist bemerkenswert, weil Leipzig seit einigen Jahren Weltkarriere unter Pseudonym gemacht hat; "Hypezig" ist dafür das Schauderwort. André Herrmann hat den Begriff erfunden, als Kritik am Medienrummel um die Stadt. Das hat ihn ziemlich bekannt gemacht.

Der Hype, den Herrmann meint, hatte im Jahr 2007 eigentlich recht gemächlich begonnen, aber irgendwann rollte er nur noch so hinweg über Leipzig, nachdem erst der Guardian, dann die New York Times, dann die halbe angelsächsische Presse, irgendwann auch Spiegel oder ZEIT über Leipzig berichtet, ach was: gejubelt hatten. Die New York Times, weil Leipzig "a lot like Berlin" aussehe, allerdings das Berlin "10 years ago". Der Guardian, weil Leipzig einer der angesagtesten Orte Europas sei, denn die Stadt habe sich ja zu "Germany’s new cultural hot spot" entwickelt; zu einem Ort, logisch, "better than the capital". Irgendwann bekam noch die letzte Lokalzeitung Deutschlands Wind von der Sache. Hypezig titelte die Südwestpresse aus Ulm und führte aus: "Sachsens größte Stadt Leipzig ist im Begriff, Berlin als deutsche Szene-Metropole abzulösen." Leipzig, das ist in diesen Texten die Stadt, in der Künstler in Tausendquadratmeterateliers und Loftwohnungen überdimensionierte Bilder malen, illegale Partys in ranzigen Vierteln ausgerichtet werden und Bars in Spelunken eröffnen. Eine echte Szenestadt eben, um ein besonders fürchterliches Wort zu verwenden, das in so vielen Zeitungstexten auftaucht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 41 vom 08.10.2015.

Und jetzt? Ist Leipzig langsam nicht mehr cool, weil zu viel darüber gesprochen wurde, wie cool Leipzig sei? Ist die Stadt in der Sinnkrise, geht’s mit dem Hype vorüber, und ist die Flucht André Herrmanns nur eines der ersten Zeichen dafür? Zur Wahrheit gehört wohl: Wenn eine Stadt, die ihren guten Ruf der großen Freiheit verdankt, den billigen Mieten, den riesigen Wohnungen und hohen Decken, den Underground-Clubs – wenn so eine Stadt zur Boomtown wird, verliert sie eben einige ihrer Erfolgsmerkmale. Leipzig war wegen des Leerstands die Hype-Stadt, und jetzt? Es wird enger, teurer, weniger frei. Der Hype frisst seine Kinder titelte gerade das Stadtmagazin Kreuzer. Und hat damit natürlich ein bisschen recht. Das alles muss man nicht todtraurig finden, man kann sich auch freuen, dass es aufwärts geht, denn nichts anderes passiert mit einer Stadt, die wohlhabender wird. Aber man möchte es doch mit André Herrmann besprechen. Besuchen wir ihn am neuen Ort! Also los, im Zug gen Brüssel.

Sein Buch ist unheimlich lustig, aber es enthält auch den Leipzig-Schmerz

Herrmann, muss man wissen, zog einst gleichsam mit dem Hype in Leipzig ein. 2007 kam er aus Sachsen-Anhalt, aus seiner Heimat Dessau-Roßlau – und begann, neben dem Politikstudium, Geschichten zu erzählen: auf der Bühne, auf Papier, in seinem Blog. Inzwischen schreibt er Comedyprogramme und -texte für Sendungen und Shows, etwa für Comedy mit Karsten im MDR, und auch für einen Comedian, dessen Namen er nicht verrät, weil man das als Ghostwriter eben nicht tut. Herrmanns erstes Buch, gerade erschienen, heißt Klassenkampf, ein Werk voller guter Pointen. Es geht um den Weg eines jungen Mannes aus der Provinz in die große Welt.

Das Treffen also, in Brüssel, in einer Bar namens Maison du Peuple, einem sehr schicken Laden, bei Lasagne und Bier. Herrmann sagt: "Was in Leipzig passiert, ist ja jetzt schon die totale Nostalgie. Die spüre ich auch – in dem Sinn, dass ich irgendwelchen ollen Kneipen oder dem Flair eines Viertels nachheule. Und mich damit abfinden muss, dass es das nicht mehr gibt. Das spüren auch viele, die in Leipzig zu dem gehören, was man wohl Szene nennt."

Leipzig, "The Better Berlin"

Herrmann hat ein großes Blitz-Tattoo am Arm, trägt eine schwarze Casio-Uhr, schwarze Hose, schwarzes Sweatshirt. Er ist aber gar nicht so, wie man ihn von seinen Texten kennt, dauerlustig, dauerschlagfertig, sondern zurückhaltend, beinahe schüchtern.

Warum ist er denn ausgerechnet nach Brüssel gegangen, in eine Stadt, die noch voller ist, noch fertiger? "Ich bin gegangen, weil ich konnte. Ich wollte weg aus Leipzig, mal woanders hin. Schreiben kann ich überall, und in Brüssel kann ich mein Französisch verbessern. Es ist viel größer, was mir gefällt. Deutschland ist nicht weit. Und ich habe trotzdem Abstand."

Brüssel ist in nicht wenigen Dingen extremer als Leipzig: doppelt so groß. Mehr Trubel, mehr Urbanität. Es gibt eine echte U-Bahn, nicht nur einen City-Tunnel. André Herrmann hat eine Wohnung gemietet, in der der Quadratmeter zwar auch nur zehn Euro kostet. Aber ohne Gründerzeitluxus. "Ich wohne jetzt in einer Dachgeschosswohnung, richtig im Altbau. Du versuchst, in die Wand zu bohren, und die stürzt fast ein. Die Toilette ist getrennt vom Badezimmer, du hast so ein olles Waschbecken mit einem winzigen Hahn, aus dem nur kaltes Wasser läuft. Natürlich hast du nicht denselben Luxus wie in Leipzig. Klar, es ist anders."

Ist nicht die Pointe an seinem Abschied eigentlich, dass André Herrmann auch vor sich selbst flieht? Der Hype um Leipzig entstand durch Leute wie ihn, und er türmt nun vor dem Hype.

"Ich weiß nicht", sagt Herrmann. "Ich weiß nur: Das Abgerockte verschwindet. Die Leute machen vegane Restaurantführer über Leipzig-Connewitz. Das ist jedenfalls nicht das, was mich in Leipzig fasziniert hat." Es hat sich inzwischen Herrmanns Wortschöpfung Hypezig vom Erfinder emanzipiert, denn es wird nicht mehr nur als Kritik verwendet, sondern auch als Markenzeichen. Als Synonym für den Trend. "Das regt mich am meisten auf", sagt Herrmann. Und ob man wisse, fragt er dann, was das eigentliche Problem sei. "Das Problem ist, dass die Stadt selbst bemerkt hat, dass es einen Hype gibt. Und sie fängt an, ihn auszuschlachten, auf unsympathische Weise." Wie denn? Na, sagt er: Wenn Leute am Flughafen Plakate aufhängen wollten – "The Better Berlin" –, sei das doch absurd. Wenn die Tourismusgesellschaft in München mit billigen Mieten und großen Gründerzeitwohnungen auf Plakaten werbe, sei das doch das Gegenteil von cool. "Das ist verkrampft", sagt Herrmann. "Nach dem Motto: ›Hallo, wir sind hip! Und wenn du hier bist, kannst du alles erreichen! Kannst dich selbst verwirklichen!‹ Das glaubt doch keiner." Er erinnere sich, dass die Stadt mal Anzeigen in Berlin im Stadtmagazin Zitty geschaltet habe: Kommt nach Leipzig, wir haben Platz. "Da denke ich doch: Wie nötig habt ihr es? Ich finde das ziemlich selbstgefällig."

Ein bisschen Berlin-Vergleich ist aber legitim: Im Kleinen, das sagen auch Stadtsoziologen, erlebe Leipzig jetzt genau das, was Berlin vor 15 Jahren passiert ist. Ganze Viertel werden aufgewertet, der Leerstand schwindet, die Spelunkenbars müssen weichen für fesche In-Lokale. Ein Hype ist sein eigener Meuchler. Und die Zahlen zeigen, dass der Hype am Ende auch nicht nur Einbildung ist: 560 647 Einwohner leben derzeit in Leipzig, hat die Stadtverwaltung just dieser Tage errechnet. Erstmals sind das wieder so viele wie vor der Wiedervereinigung. Am 3. Oktober 1990 waren es 560.378 gewesen, wenn man die Ortschaften im Umland mit einbezieht, die seither noch eingemeindet wurden. Ende 2014 standen in Leipzig 21.400 Wohnungen leer. Halb so viele nur noch wie 2011. Jährlich wächst Leipzigs Einwohnerzahl um mindestens 10.000 Menschen. "Das Tempo des Anstiegs nimmt deutlich zu", so hat es die Stadtverwaltung gerade verlautbart, "vor allem deshalb, weil die Zahl der Zuzüge deutlich über der der Wegzüge liegt". Die Arbeitslosenquote indes ist so niedrig wie noch nie seit 1990, bei aktuell 9,4 Prozent. Doch, das ist ein Boom! Ein messbarer!

Das Gefühl, dass irgendetwas vielleicht trotzdem nicht stimmt mit Leipzigs Hype, das speist sich daraus, dass Leipzig viele, besonders junge Menschen, nicht auf Dauer halten kann: Denn wirtschaftlich hält die Entwicklung nicht Schritt. Für das akademische Publikum fehlt es in dieser Stadt nach wie vor an Jobs. Zum Studieren kommt man, dann geht man. In der Zeit nach der Uni verliert Leipzig die Menschen nach wie vor: Junge Akademiker auf der Suche nach den ersten Stellen ziehen reihenweise weg, weil es dann doch nicht genug Arbeit gibt für Hochqualifizierte mit Karriereambitionen. In Leipzig sind nicht nur die Vorzüge des Ostens potenziert – auch seine Probleme.

Wenn man Andreas Raabe, den Chefredakteur des Stadtmagazins Kreuzer, trifft, dann versteht man, was gemeint ist. Raabe sagt, dass der größte Unterschied zwischen der Oststadt Leipzig und Orten wie München oder Hamburg immer noch der sei, dass man dort auch nach der Uni bleibe. Hier würde man gern bleiben, aber es gehe oft nicht. "Es gibt in Leipzig eben keine großen Firmen, null. Du hast da draußen, am Stadtrand, Amazon, BMW und Porsche. Mehr ist nicht. Die größte Branche in Leipzig ist die Immobilienbranche. Das sagt doch alles."

Raabes Kreuzer residiert im Hofmeisterhaus in Leipzigs östlichem Zentrum: Auf diesem Gelände wurde einst der Deutsche Fußball-Bund gegründet. Raabe, der mit seinen rotblonden Haaren ein kleines bisschen aussieht wie der junge Boris Becker, hat gerade einen Text geschrieben, der vom Hype handelt. Er schreibt von der "Spießigkeit" einer Szene, "die sich verzweifelt daran klammert, ihre Exklusivität und Coolness zu bewahren".

Wenn die Stadt versucht, den Hype zu befördern, muss das schiefgehen

Aber er kritisiert auch die Hypezig-Geschäftemacher: "Die einen machen die Stadt cool und lebenswert mit ihrem kulturellen Engagement", sagt Raabe. "Dann kommen andere, Stadtmarketing, Touri-Branche, Immobilienleute, die das für sich vereinnahmen und daraus ein Business machen, von dem die echten Macher noch nicht mal profitieren." Dass so viele in Leipzig quengeln ob des PR-Erfolgs ihrer Stadt, es liegt nach Raabes Meinung auch daran, dass sie eben selbst zu wenig vom Aufschwung hätten. Daran, dass die Kluft zwischen persönlichem Erfolg und Zuschreibung von außen mitunter noch so riesig sei.

Und dann sei da noch eine Art Missgunst, eine allzu menschliche, von der sei auch er selbst nicht frei. "Nehmen wir dieses Beispiel: meine Eisdiele", sagt Raabe. Er habe seit vielen Jahren eine Wohnung in der Arndtstraße, Südvorstadt. "Direkt um die Ecke ist Pfeiffers Eisladen, der macht gutes Eis, selbst gemachtes Eis, und der ist mit DDR-Möbeln ausgestattet. Der Tresen ist Osten, die Eisbecher sind auch noch wie zu Ostzeiten. Das war unser Eisladen – und auf einmal ist der in rasender Geschwindigkeit zu einem Hype-Ort geworden, nur aufgrund seiner Einrichtung! Du kannst dort eigentlich kein Eis mehr holen. Sobald die Sonne rausguckt, kommen die Leute von sonst woher mit ihren Autos angefahren, um bei Pfeiffers ein Eis zu essen." Aber ist doch schön für Pfeiffers Eisdiele, Herr Raabe. Ja, sagt er da. "Und vielleicht ist das auch arrogant, aber für mich fühlt sich das eben an wie: Hey, das ist mein Eisladen! In meinem Viertel! Und plötzlich gehört er allen. Dieses Muster können Sie auf den ganzen Hype übertragen, deswegen sind so viele Leipziger abgeschreckt davon." Der Ansturm lasse keinen Platz mehr für diejenigen, die zuerst da gewesen seien: "Das ist das Hypezig-Paradox", sagt Raabe. "Was gehypt wird, verschwindet. Weil es die Eigenschaften verliert, die es zum Hype machen."

Kann man dann den Hype so gar nicht urbar machen, so gar nicht hinüberretten in einen Vorteil für die Stadt? Zeit, mal beim Stadtmarketing nachzufragen. Volker Bremer leitet die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, sein Büro ist weit oben in der Innenstadt, im Uni-Riesen, dem höchsten Haus Leipzigs. Von hier aus sind die Menschen da unten winzig, vielleicht auch die Probleme. Bremer sagt: "Ich glaube nicht, dass wir hier von einem Hype reden sollten." Bitte was? "Ein Hype wäre ja etwas Übertriebenes, eine Blase. Meine Erfahrung ist eine andere: Wir sind mittlerweile in der ganzen Welt als die kreative Stadt Deutschlands bekannt. Es gibt eine starke Mediennachfrage nach dem Thema "kreative Stadt". Man kann sich hier mit relativ wenig Geld auch an nicht kommerziellen Plätzen vergnügen", sagt Bremer, ganz der Tourismus-Werber, "es ist nicht Hype, es ist Lebensart, die aufgesogen wird von den Medien. Und wir versuchen, sie zu bewerben." Wie das? "Da haben wir zum Beispiel im Internet einiges laufen", sagt Bremer, "haben ein Social-Media-Team aufgebaut. Wir sind Ansprechpartner für die Presse von überall auf der Welt. Wir versuchen, die Geschichte von der florierenden Stadt weiterzutragen." Es gebe jetzt einen alternativen Stadtführer, sagt Bremer noch: Verborgenes Leipzig, heiße der, Tipps abseits bekannter Wege.

Auf Seite 62 findet man Pfeiffers Eisdiele.

Jedenfalls ist Bremers Marketinggesellschaft am Hype nicht unbeteiligt. Denn hier arbeitet eine Frau, über deren Tisch das alles geht: Die meisten ausländischen Journalisten, die über Hypezig schreiben wollen, rufen erst mal beim Tourismus-Marketing an. Sie landen dann bei Steffi Gretschel, einer Frau von 35 Jahren, die fließend mehrere Sprachen beherrscht. Sie muss es wissen: Ist der Hype bald vorbei? "Nein!", sagt sie entschieden. "Überhaupt nicht!" In den meisten Ländern gehe es gerade erst richtig los. Zuletzt, rund um den Jahrestag der deutschen Einheit, hätten die Franzosen Leipzig entdeckt: "Gerade waren wir binnen einer Woche in fast allen großen französischen Medien – es standen Texte über Leipzig in Les Échos, Nouvel Observateur, Grazia, Télérama, man spürt richtig, wie das Interesse steigt." Was titelte Télérama ? Leipzig, le nouvel eldorado arty, das neue Eldorado der Kunst, und na klar, Leipzig sei " le Berlin des années 1990." Les Échos hat seine Magazinstrecke überschrieben mit: Leipzig, le nouveau Berlin. "Der Autor wollte das eigentlich gar nicht", sagt sie, "der lebte in Berlin, der mag Leipzig, der findet den Vergleich eher schräg. Aber am Ende hat der Schlussredakteur doch wieder diese Zeile über den Text gesetzt." Sie lacht. "Es muss halt griffig sein. Kann man ja verstehen."

Steffi Gretschel hat sogar schon eine Ahnung, was nach Frankreich kommt: Italien. "Da läuft gerade etwas an." Zyklisch zieht der Leipzig-Hype durch jedes Land. Auch die englischen Medien seien übrigens ungebrochen interessiert, just arbeite der Evening Standard aus London an einer Geschichte. Was will der Autor schreiben? "Als ich ihn fragte", sagt Gretschel, "welche Zuarbeiten ihm noch helfen würden, sagte er: ›All the hipster Kreuzberg stuff‹ ".

Nun, manchmal wird die Sache bizarr. Neulich, erzählt Steffi Gretschel, habe ein norwegischer Journalist der Zeitung Aftenposten bei ihr angerufen. "Er fragte mich", sagt sie, "wie ich es denn fände, dass Helsinki jetzt das neue Leipzig sei?"