Seit einigen Wochen hängt ein neues Schild im Eingang des Allianz Forums am Pariser Platz 6 in Berlin. "BildungsChancen gemeinnützige GmbH" steht darauf. Wer die Website der Gesellschaft googelt, findet – nichts. Ob sie jemals ihren Betrieb aufnehmen wird – ungewiss. Im deutschen Stiftungssektor, sonst so mitteilungsfreudig wie risikoavers, ist beides außergewöhnlich.

Die Zurückhaltung ist verständlich. Denn ausweislich des Handelsregistereintrags sowie vertraulicher Briefings für Agenturen und Investoren verbirgt sich hinter BildungsChancen eine der gewitztesten und gewagtesten Ideen, die es im deutschen Bildungswesen in den vergangenen Jahren gab.

Der Clou ist nicht, was die gemeinnützige GmbH machen wird (laut Handelsregister: alles fördern, was mit Bildung zu tun hat), sondern wie sie es machen will: "Der Mittelbeschaffung dient auch die Durchführung von Soziallotterien", heißt es. BildungsChancen soll also eine Art "Aktion Mensch" für die Bildung werden, bei der ein Teil der Los-Einnahmen an einen wohltätigen Zweck geht.

Hinter BildungsChancen stecken Stifterverband, SOS-Kinderdörfer und Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, finanzielle Starthilfe geben unter anderem die Unternehmer Christian Boehringer und Arend Oetker sowie die Firma Trumpf; die Machbarkeitsstudie stammt von namhaften Beratern und Marktforschern; Gespräche mit privaten Fernsehsendern über eine Partnerschaft laufen. "Wir wollen nicht nur neue Mittel für Bildung gewinnen", sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbands. "Indem wir Bildungsförderung zum Gesellschaftsspiel machen, kommunizieren wir das Thema auch ganz neu."

Die Bildungslotterie setzt aufs Onlinespielen. Laut interner Prognose sollen die BildungsChancen im Lauf des nächsten Jahrzehnts über hundert Millionen Euro pro Jahr einspielen. Laut gesetzlichen Regeln müssen davon mindestens 30 Prozent an den guten Zweck gehen. Mehr als 30 Millionen Euro für Vorhaben der drei Träger, aber auch für freie Projekte – das ist so viel, wie eine größere Stiftung im Jahr ausschüttet. Das kann wirklich etwas verändern.

Doch genauso entscheidend wie das Geld ist die Präsenz in der Öffentlichkeit. Durch kluge Formate, die Spieler bei der Auswahl der geförderten Projekte beteiligen, kann Bildung ein Massenthema werden.

In den kommenden Wochen beantragt BildungsChancen die Genehmigung für die Lotterie beim Staat, der zustimmen muss. Geht alles glatt, könnte das erste Los Ende 2016 gezogen werden.

Dass die gute Idee dann ein Selbstläufer wird, ist allerdings keineswegs sicher. Die Deutsche Sport-Lotterie, ein Sozialspiel für den Spitzensport, wurde 2015 gestartet und wegen schwacher Ergebnisse rasch umstrukturiert. Vor Jahren scheiterte schon eine gemeinnützige Umweltlotterie. Hoffentlich bleibt diese Erfahrung dem Bildungslotto erspart.