"Frösche können nicht in den Himmel wandern", sagt Hassan al-Mouden, als er auf dem Berg steht. Hier, auf 2.600 Metern im Hohen Atlas in Zentralmarokko, sieht er unten die Gipfel und oben den Himmel. Höher geht es nicht, und das ist ein Problem. Al-Mouden ist Biologie-Professor an der Cadi-Ajjad-Universität von Marrakesch, sein Spezialgebiet sind Amphibien und Reptilien. Seit Jahren beobachtet er, wie die Tiere ihre angestammten Lebensräume verlassen. Sie fliehen vor der Hitze und den Menschen, streben dem Himmel entgegen, in die Höhen der Berge. Hier ist es noch kühl. Aber irgendwann geht es nicht mehr höher, irgendwann ist Schluss.

Wer durch Marokko fährt, bereist ein Land, in dem wenig zueinanderpasst. Tagsüber laufen Frauen mit Kopftüchern durch die Straßen, nachts tanzen in den Bars die Prostituierten. Auf dem Land können viele Menschen nicht einmal lesen, in den Städten produzieren Ingenieure Flugzeugteile für den Weltmarkt. Das Volk wählt ein Parlament, regiert wird es von einem absolutistischen König, der Kritiker im Zweifel einfach wegsperrt.

Auch der Umgang mit der Umwelt ist geprägt von Widersprüchen. Einerseits ist Marokko ein Musterknabe im Kampf gegen den Klimawandel. Es investiert massiv in den Ausbau regenerativer Energien, ist Mitglied im Club der Energiewendestaaten, gemeinsam mit Deutschland, Costa Rica und Dänemark. Es hat als eines der ersten Länder Afrikas seine Klimaschutzziele zur diesjährigen Klimakonferenz in Paris eingereicht und als erstes arabisches Land konkrete Ziele zur Dekarbonisierung seiner Wirtschaft präsentiert. Ein Streberstaat.

Der, andererseits, immer noch völlig gedankenlos mit seinen Ressourcen umgeht. Der seine Oasen zubetoniert und Wasser verbraucht, um Luxusgolfplätze für Touristen zu bewässern. Dabei gibt es kaum eine Region auf der Welt, für die Klimaforscher dermaßen üble Prognosen erstellen wie für Nordafrika. Die Niederschläge werden sehr wahrscheinlich abnehmen. Wasser wird seltener verfügbar sein. Die Wüsten werden sich ausbreiten, Landwirtschaft wird in manchen Gegenden unmöglich werden. Bei ungebremstem Klimawandel werden die Temperaturen steigen, in extremen Szenarien sogar um bis zu neun Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts. Die Region trocknet aus. Und Marokko gießt Golfplätze.

Wer ein paar Tage im Land unterwegs ist, stößt überall auf Beispiele der Ressourcenverschwendung. In Marrakesch wird eine prächtige Fußballanlage mehrmals täglich bewässert, in den Städten verstopfen uralte, rußende Taxis die Straßen. Die Hamams, traditionelle Dampfbäder, die es in jeder Nachbarschaft gibt, sind kaum isoliert und verschlingen riesige Mengen Brennholz. In einer Luxusanlage in der Nähe der Hauptstadt Rabat brennen selbst am Tage die Straßenlaternen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Hassan al-Mouden, der Biologe, begegnet diesen Problemen jeden Tag, wenn er nach den letzten Überlebenden sucht. Wieder steht er auf einem Berg, doch diesmal ist es kein natürlicher. Hier, am Stadtrand von Marrakesch, sieht er unten kaputte Kühlschränke und weiter oben alte Autoreifen. Berge aus stinkendem Abfall, den die Millionenstadt im Süden des Landes hervorgebracht hat. Der Tensift fließt am Fuß dieses Berges träge entlang, hin und wieder recken Wasserschildkröten ihre Hälse aus der dreckigen Brühe. "Wie sie hier überleben können, ist uns noch ein Rätsel", sagt Al-Mouden. Über den Gipfeln kreisen Störche, Straßenhunde wühlen im Schrott nach Essbarem. Sonst regt sich nichts. Das meiste, was einst hier flog und kroch, die Echsen, Singvögel und Kröten: Sie sind entweder vor der Verschmutzung geflohen oder an ihr zugrunde gegangen.

Al-Mouden kennt viele solcher Orte, an denen ganze Populationen einfach verschwinden. Es ist eine trostlose Tour, wenn man ihm dorthin folgt. An Orte, die von Jahr zu Jahr trockener werden, bis nichts mehr in ihnen leben kann. Etwa ein ausgetrockneter Tümpel an einer Ausfallstraße nach Marrakesch: Die Kröten, die hier leben, haben seit drei Jahren keinen Nachwuchs mehr bekommen. Geht es noch fünf Jahre so weiter, wird die gesamte Population ausgestorben sein. An Orten wie diesen wandert Al-Mouden über staubige Flächen, schaut unter jeden Busch, wälzt jeden großen Stein um, erzählt von den vielen verschiedenen Tieren, die einst hier lebten und von denen er immer häufiger nur Skelette oder leere Panzer findet.