Henning Mankell * 3. 2. 1948  - † 5. 10. 2015

Tod eines Autors. Benachrichtigung auf Facebook am 5. Oktober gegen 12.30 Uhr: "Henning Mankell hat einen Link geteilt." Die Nachricht: "Henning Mankell ist gestorben." Abertausende von Mankell-Fans klicken "Gefällt mir". Über solche Kapriolen der Sozialen Netze hätte Mankell gelacht. Aber wir anderen, noch lebendig, sind fassungslos, hatte der Autor Henning Mankell doch versprochen, sich und uns, noch nicht zu sterben. Er hatte, als die Nachricht seiner Krebserkrankung Anfang 2014 um die Welt lief, sich angewöhnt zu sagen: "Ich werde an dieser Krankheit sterben, aber noch nicht jetzt." Auch im März dieses Jahres, als wir uns in seinem Sommerhaus im französischen Antibes zu einem Gespräch über das Leben und das Sterben trafen (ZEIT Nr. 13/15), sagte er eben das: "Ich werde an dieser Krankheit sterben. Aber nicht jetzt." Dieses Jetzt ist nun rascher gekommen, als er und wir dachten. Es fühlt sich an wie Verrat, dass Henning Mankell nun mit nur 67 Jahren gestorben ist, am Morgen des 5. Oktober, im Schlaf.

Er hat ein Werk geschrieben, das aus der Empörung über den Tod lebt. Seine Wallander-Krimis sind Romane, in denen der Tod die bizarrsten Formen annimmt, es gibt keinen Schmerz, den er den Opfern böser Menschen oder seinen Lesern erspart hätte oder auch seinem Kommissar Wallander, den wir insgeheim Kurt nennen. Menschen werden mit Bambusstangen aufgespießt, in Brunnen gestopft, Kinder missbraucht, Frauen auf Hochleitungsmasten verschmort. Anders als unsere alerten Tatort-Kommissare, die selbstgewiss mit den schnellen Autos der deutschen Automobilindustrie dem Verbrechen auf den Fersen sind, ist Wallander einer, in dessen Seele und dessen Körper das Fürchterliche tief eingedrungen ist. In den Wallander-Verfilmungen mit Krister Henriksson sehen wir davon eine asketische Variante, einen stillen, traurigen Mann. Dann kam Kenneth Branagh und zeigte uns einen Wallander, dessen weicher Körper wie zerbeult wirkt von dem Aufprall des Schreckens, sein Gesicht, aufgedunsen und stoppelig, als gehe er dahinter in Deckung, die Augen kleine, müde Schlitze. Man war ein bisschen geneigt, eine Ähnlichkeit zu suchen zwischen diesem Branagh-Wallander und dem Autor Henning Mankell, dessen kleine, runde Gestalt auch immer ein wenig durchgewalkt wirkte von seinem merkwürdigen Leben, das Gesicht müde, wenn auch aufmerksam, der Blick ernst und wach.

Er war der Sohn eines Richters. Das Kind einer Mutter, die ihn früh verlassen hat. Beides ist ihm zur zweiten Natur geworden, der Drang, Gerechtigkeit in der Welt herzustellen, und eine gewisse Heimatlosigkeit in dieser Welt. Mit 16 Jahren hatte er genug von Schule und Zuhause, er riss sich los und ging zum Theater. Mankell schaffte es, mit 19 Jahren am Stockholmer Theater ein selbst geschriebenes Stück zu inszenieren, aber er blieb nicht lange in Stockholm, er reiste weiter, nach Afrika, er würde dort am Theater arbeiten, in Mosambik. Das Theater Avenida in Maputo wurde eine zweite Heimat, von der aus er allerdings nach Schweden pendelte und von Schweden zurück nach Afrika.

"Warum geht man nach Afrika?", fragt sein Held Hans Olofson in Das Auge des Leoparden (2004) – "warum vertreibt man sich selbst?" Ein Buch, das von Ängsten und Halluzinationen getrieben ist. Zur Mankellschen Lebensart gehörte es, nicht alle Fragen, die er aufwarf, auch beantworten zu wollen. Aber er hatte den Mut, diese Fragen zu stellen.

Mankell spürte das Grauen auf, das in seiner Heimat Schweden, in der Provinz, im hübschen Ystad, hinter den roten Fassaden mit den weißen Fensterchen, in den einsamen Höfen, versteckt lag, und erkannte die Untiefen, die Ungeheuerlichkeiten in dem, was wir menschlich nennen, er erzürnte sich über die geplanten Grausamkeiten eines globalisierten, auf Profit geeichten, kriminelle Machenschaften in Kauf nehmenden Wirtschaftssystems. Und gleichermaßen würde er sein ganzes Leben lang durch das Elend hindurchsehen, das in Afrika offen unter der gnadenlosen Sonne ausgebreitet ist, und uns zeigen, wie dort das Schöne durchscheint. Was das wäre? Menschen in ihrer Würde. Kriegsgebeutelte, Hungernde, die Millionen von Waisen, die Aids zurückgelassen hat. Mit seiner Unterstützung entstanden etwa die Memory Books, in denen Eltern, die hoffnungslos erkrankt sind, für ihre Kinder eine Spur der Liebe hinterlassen, Notizen darüber, woher sie kommen, wer sie waren, erste Eindrücke vom Leben der Kinder (Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt, 2004).

Gibt es zu viele Leute, welche die dunklen Wallander-Krimis für Unterhaltungsliteratur halten, so gibt es vielleicht zu wenige, die Mankells Afrika-Bücher kennen. Ein Kinderbuch, in dem zwei Mädchen Wasser holen, und eines tritt auf eine Mine (Das Geheimnis des Feuers, 1995). Ein Straßenkind verblutet auf dem Dach eines Theaters, neun Tage und Nächte lang irrlichtert sein Geist durch das kurze Leben (Der Chronist der Winde, 2000). Mankell gibt den Unsichtbaren eine Stimme. Da ist der Junge, den ein schwedischer Käferforscher namens Bengler mit nach Hause nimmt und der dort in seelischer und klimatischer Kälte verkümmert: "Er schloss nur die Augen und versuchte einzuschlafen, das Herz zu zwingen, dass es zu schlagen aufhörte …" (Die rote Antilope, 2001).

Mankell scheute nicht zurück vor Pathos, er konzipierte Handlungen und Bilder wie religiöse Tafeln. Das war seine Art, so wie es auch seine Art war, sehr herzlich zu sein, kompromisslos zugewandt, und Frauen höflich zu umsorgen wie ein Ritter. Sein letztes Buch widmete er seiner vierten Frau, der Regisseurin Eva Bergman, die eine Tochter des großen Filmemachers Ingmar Bergman ist, dessen Filme auch gern die Patina der letzten Dinge haben. Er widmete dieses Buch Treibsand, das auf Deutsch gerade erschien, also seiner Frau mit einer Erinnerung an ein Fresko in Pompeji, es zeigt den Bäcker Terentius Neo mit Frau, es heißt: "Sie machten den Eindruck von zwei Menschen, die ihr Leben sehr ernst nehmen."

Mankell beschreibt in diesem letzten Buch ein Bild in einer schwedischen Kirche, das einen Pastor mit seiner Frau zeigt und um sie herum die 15 Kinder, die lebenden Kinder und die Kinder, die schon tot sind. Es mache auf ihn den größten Eindruck, schreibt er, wie diese Kinder, die vor 250 Jahren lebten, sich gegen das Verschwinden stemmen. Noch Tage vor seinem Tod hat Mankell Interviews gegeben, in denen er versuchte, den Blick der Menschen für das Elend der Flüchtlinge zu erweichen. Er zeigte, wie er es so oft tat, auf den in der Erde verbuddelten, strahlenden Müll und rief, wie auch schon so oft, dass irgendwann Beethoven und Mozart vergessen sein würden, dann aber dieser verseuchte Mist immer weiter da sei, ein letztes Zeichen von dem, was wir für unsere Zivilisation hielten. Mankell war Moralist. Im Stile von: Man möge die Welt besser zurücklassen, als man sie vorgefunden hat.

Er las ein Buch pro Tag. Er erkundete, was die Welt an Wissen zu bieten hat, er schlug sich durch die Forschungen von Anthropologen, Kunsthistorikern, Paläontologen. So verankerte Mankell sich in dieser Welt. Seine größte Sorge sei es, am Ende im Dunkel der Demenz zu versinken, hatte er vor einigen Jahren gesagt, als er sich mit dem Buch Der Feind im Schatten (2010) von Wallander verabschiedete, der angesichts erster Vergessensschübe in Horror erstarrt. Das also ist ihm erspart geblieben.

Er sagte damals, als wir uns in Antibes trafen und das Jahr mit den ersten warmen Tagen gerade loslegte, er denke viel nach über die Abermillionen Jahre, die endlose Reihe von Generationen anderer Menschen, in denen unser eigenes Leben eingefügt sei. "Ich denke darüber nach, was möglich ist, wie alles begann, wie es enden wird. Ich erkenne, dass in der Dunkelheit eine Bedeutung liegt. Wir kommen aus dem Dunkel, wir gehen in das Dunkel. Das ist das Leben", heißt es in Treibsand. Er hatte nicht den Glauben, den einige haben, welche von ihrer Religion Trost empfangen, dass man in einem ewigen Licht aufgenommen wird. Er schrieb aber rastlos weiter, weil er im Schreiben, so sagte er, an einem zeitlosen Ort sei.

Nun also ist Mankell tot, wir aber werden mit etwas Glück noch die drei Verfilmungen der Mankell-Bücher zu sehen bekommen, die Kenneth Branagh im vergangenen Herbst drehte. Wir werden allerdings vergeblich auf das Buch warten, das seit Jahren in Mankells Notizblock verborgen ist, Aufzeichnungen von langen Abenden, in denen er mit dem alten Ingmar Bergman alte Filme sah, über hundert Filme, und aufschrieb, was Ingmar ihm, dem Schwiegersohn, über diese Filme sagte. Notizen ihrer Gespräche über Musik, die ihnen beiden fast näher war als all die Bücher oder Filme oder das ganze Theater. Mankell wird, wie er damals in Antibes sagte, jetzt sehr lange tot sein, und es ist wenig tröstlich, dass wir alle, irgendwann, gemeinsam mit ihm auch Millionen von Jahren lang tot sein werden.

Am 28. September erschien:Henning Mankell: Treibsand Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt; Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015; 282 S., 24,90€