Und dann schlägt sie zu. Sie prügelt auf seinen Bauch ein, auf seine Arme und Hände, immer wieder auf die Hände, damit er endlich seine verdammte Kamera loslässt. Sie drückt ihn an die Wand und tritt ihm in die Hoden. Dann sieht sie zu, wie ihre Kameraden den Rest erledigen. Wie 30 Männer und Frauen wie von Sinnen auf einen Mann eintreten, der sie fotografiert hat. Wie sie ihm die Rippen brechen, ihm fast das Leben nehmen. Heidi hat kein Mitleid mit ihm.

"Der Kerl war für mich menschlicher Abgrund", sagt sie. Und die zersplitterte Kamera, in unzähligen Teilen auf dem Boden verstreut, war ihre Trophäe, einem "Zeckenfotografen" abgerungen. Die Trophäe eines 16 Jahre alten Mädchens, das den Holocaust leugnete.

Sieben Jahre später, an einem Tag im Sommer, sitzt Heidrun Benneckenstein, genannt Heidi, in einem Café in München und erzählt von dem Übergriff. Zahlreiche Mitglieder der rechten Szene waren im Juli 2008 nach Passau gereist, um einem alten Nazi das letzte Geleit zu geben. Der Sarg war geschmückt mit einer Reichskriegsflagge samt Hakenkreuz. Am Grab standen der damalige NPD-Chef Udo Voigt, der Neonazi Christian Worch, der heute die Partei Die Rechte führt, und der als "SS-Siggi" bekannt gewordene Dortmunder Siegfried Borchardt. Insgesamt 80 Rechtsextreme, mitten unter ihnen: Heidi.

Der Fotograf war ein unerwünschter Gast der Beerdigung, er wollte das Ereignis für eine antifaschistische Gruppe dokumentieren. "Solche Fotografen waren damals das Feindbild Nummer eins in der Szene", sagt Heidi. "Ich war so voller Hass, als ich ihn entdeckt hatte, dass mir alles egal war. Es macht mich heute fassungslos, dass ich auf jemanden eingeschlagen habe, der mir nichts getan hatte, den ich nicht mal kannte."

Heidi ist heute 23. Vor fünf Jahren ist sie aus der Szene ausgestiegen. Bei den ersten Treffen mit den Reportern der ZEIT trägt sie lila gefärbte Haare, die an einer Seite abrasiert sind, und ein Nasenpiercing. Auf ihrer Jacke prangt, als wolle sie ihre rechte Vergangenheit mit linken Accessoires überdecken, das Totenkopf-Logo des Fußballclubs FC St. Pauli.

Wenn Heidi in diesen Monaten in den Nachrichten sieht, wie Menschen in Deutschland ankommenden Flüchtlingen "Welcome!" entgegenrufen, wenn sie sieht, wie Ehrenamtliche Kleider sortieren und bei sich zu Hause Geflohene aufnehmen, dann freut sie sich über die Willkommenskultur. Gleichzeitig ist sie voller Sorge. "Es scheint, als hätten sich alle darauf geeinigt, dass wir auf einmal die guten Deutschen sind", sagt sie. Sie glaubt, dass darin auch eine Gefahr liegt, denn die anderen Deutschen sind ja auch noch da. Auch sie tauchen manchmal im Fernsehen auf, die Bilder kommen dann aus Heidenau, Tröglitz und Freital, zuletzt aus Sebnitz, wo 2.500 Demonstranten eine "lebende Grenze" bildeten.

Wenn Heidi Benneckenstein Berichte aus diesen Orten anschaut, muss sie an früher denken. Wenn sie sieht, wie die Menschen bei Pegida-Demonstrationen in Dresden, München und Schwerin auf die Straße gehen, erkennt sie darin mehr als die meisten anderen Zuschauer. Für sie sind das keine spontanen Ansammlungen vermeintlich "besorgter Bürger", es ist auch kein unkontrollierter Hass gegenüber Asylsuchenden. Heidi erkennt in der Menge einzelne Gesichter aus ihrer Kindheit. Und sie sieht einen Plan, der hinter dem scheinbar spontan aufkommenden Fremdenhass steht. Sie sieht Menschen, die zur Wendezeit Kinder waren und die zu Nazis erzogen wurden. Menschen, die sind, wie sie selbst einmal war, wie sie noch heute sein könnte.

Heidi wuchs in einer bayerischen Kleinstadt auf. Ihre Schulferien verbrachten sie und ihre beiden älteren Schwestern in Zeltlagern einer konspirativ agierenden Organisation namens Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die HDJ – das war eine Welt, in der es normal war, "Neger", "Polacke" und "Herrenrasse" zu sagen. Eine Welt, in der die Kinder nicht auf Bäume kletterten, sondern das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 aus Holz sägten. Eine Welt, in der fanatische Erwachsene ihren Töchtern und Söhnen vermittelten, dass sie in einer kranken Gesellschaft zu den wenigen Gesunden gehörten – und dann ebendiese gesunden Kinder verprügelten, weil man den Nachwuchs abhärten müsse.

Die HDJ wurde 2009 verboten, aber sie wirkt weiter: Ihre zuletzt 500 Mitglieder prägen heute maßgeblich die rechtsradikale Szene in Deutschland (siehe Kasten). Sie sitzen in Landtagen, führen militante Kameradschaften, sie kaufen entlegene Bauernhöfe, bestellen ihre Felder ökologisch, treten für den Tierschutz ein, engagieren sich in Dorfgemeinschaften. Sie versuchen, als "völkische Siedler" ländliche Regionen einzunehmen. Und sie organisieren Proteste gegen Asylunterkünfte – wie jener völkische Nazi mit Seitenscheitel, dessen Vorträge sich Heidi bei der HDJ anhörte. Er heißt Tino Müller und gehörte zur Führung der Organisation. Heute ist er NPD-Abgeordneter im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns. Vor einigen Monaten hat er in Torgelow eine Demonstration unter dem Motto "Heimat und Identität bewahren – Asylbetrug stoppen" ins Leben gerufen. Später beschossen Neonazis dort eine Flüchtlingsunterkunft mit Feuerwerksraketen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Heidi ist sich sicher: Dass jetzt wieder Häuser brennen, so wie vor mehr als zwanzig Jahren in Mölln, in Solingen und Rostock, ist das Werk einer neuen braunen Generation, die von den eigenen Eltern und Großeltern regelrecht abgerichtet wurde.

Es ist auch das Werk ihrer eigenen Familie.

Heidi Benneckenstein hieß nicht immer so. Vor ihrer Hochzeit trug sie den Namen Redeker, ein Name, der vieles erklärt. Ihr Vater Helge war und ist unter Neonazis bekannt. "Wenn ich früher in den Lagern neue Leute kennenlernte, waren die immer ganz beeindruckt. Wow, du bist die Tochter vom Redeker?", sagt sie.

Anfang der neunziger Jahre – Heidi war im Kleinkindalter – gründete Redeker in der russischen Exklave Kaliningrad mit dem einflussreichsten Verleger der rechtsextremen Szene, Dietmar Munier, die "Gesellschaft für Siedlungsförderung in Trakehnen mbH". Dahinter verbarg sich eine Firma, die sich die sogenannte Regermanisierung Ostpreußens zum Ziel gesetzt hatte. Langsam sollte das im Zweiten Weltkrieg verlorene Land zurückerobert werden – durch "Volksmehrheit".

Bezahlt von Spenden aus der Naziszene, bauten Munier und Heidis Vater binnen weniger Jahre ein neues Dorf, Häuser und Ställe, sogar eine Schule: die Agnes-Miegel-Siedlung, benannt nach einer Hitler-treuen Schriftstellerin. "Mein Vater war der zweite Vorsitzende dort", sagt Heidi Benneckenstein. "Er hatte damals eine litauische Geliebte, was unter nationalen Gesichtspunkten okay war, weil die Litauer ja auch arisch sind und die Russen hassen. Und Juden haben sie auch umgebracht." Heidi Benneckenstein sagt das ohne Ironie, einen kurzen Moment lang wirkt es, als hätte ihr altes Ich über das neue gesiegt, dann schüttelt sie plötzlich den Kopf und lacht laut. "Das muss man sich mal vorstellen!" Das Projekt schlief nach etwas mehr als zehn Jahren ein.