DIE ZEIT: Herr Scholz, was treibt Sie beim Blick auf die Flüchtlinge am meisten um?

Olaf Scholz: Der Mangel an Unterkünften. Jeden Tag kommen vierhundert bis fünfhundert Flüchtlinge nach Hamburg. Das sind mehr Menschen, als wir bis vor Kurzem in einem Monat aufgenommen haben. Wir können sie aber nur unterbringen, indem wir provisorische und schnelle Lösungen akzeptieren.

ZEIT: Und das bedeutet?

Scholz: In Hamburg nutzen wir jetzt leer stehende Gewerbehallen und bringen dort Flüchtlinge in großen Schlafsälen unter. Mehrere Hundert Menschen wohnen in Zelten. Immerhin: Wir haben bisher noch keine Turnhallen und Sportplätze belegt.

ZEIT: Können Sie für jeden Flüchtling im Winter ein Dach über dem Kopf garantieren?

Scholz: Ich kann garantieren, dass unser ganzer Ehrgeiz darauf gerichtet ist, Unterbringung in Zelten zu vermeiden. Alles andere wäre eine Vorhersage über Dinge, die wir nicht allein beeinflussen können.

ZEIT: Enteignen Sie in Hamburg nach den Besitzern von Gewerbeimmobilien demnächst auch Inhaber von Privatwohnungen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Scholz: Moment! In Hamburg wird niemand enteignet. Wir haben festgestellt, dass es in Hamburg Hallen gibt, die seit Längerem nicht genutzt werden und wo keine Vermietung oder Verpachtung bevorsteht. Deswegen haben wir geregelt, wann genau wir auf solche Immobilien zugreifen dürfen. Wir konkretisieren eine schon lange geltende Möglichkeit im deutschen Polizeirecht, um leer stehende Gewerbehallen sicherstellen zu können und Massenobdachlosigkeit zu vermeiden.

ZEIT: Sie reden von Sicherstellung, andere nennen es Enteignung.

Scholz: Wir zahlen in allen Fällen Miete oder kaufen die Hallen. Und ich gehe davon aus, dass wir uns auch in Zukunft mit den Eigentümern einigen können und die Verordnung nicht anwenden müssen.

ZEIT: Wird es mittelfristig auch um Privatwohnungen gehen?

Scholz: Nein! In keinem Fall.

ZEIT: Weil es politisch heikel ist?

Scholz: Weil es nicht helfen würde. Hamburg hat von allen 16 Bundesländern den geringsten Leerstand bei den Wohnungen. Deshalb habe ich, als ich Bürgermeister wurde, das größte Wohnungsbauprogramm Deutschlands angeschoben.

ZEIT: Das scheint jetzt nicht zu reichen.

Scholz: Wir forcieren den Wohnungsbau weiter. Aber in Deutschland dauert das Bauen sehr lange. Sie müssen zwei bis drei Jahre für den Bebauungsplan, drei bis sechs Monate für die Baugenehmigung und zwei bis drei Jahre fürs Bauen rechnen. Wir haben uns vorgenommen, jetzt schnell neue Häuser als Flüchtlingsunterkünfte zu bauen und entsprechend dicht zu belegen. In einigen Jahren werden wir sie dann als Sozialwohnungen vermieten.

ZEIT: Was heißt das für die Flüchtlinge?

Scholz: Sie werden sehr lange in Gemeinschaftsunterkünften leben müssen. Da darf man sich nichts vormachen.

ZEIT: Muss die Bundesregierung den Zuzug von Flüchtlingen begrenzen?

Scholz: Der Umgang mit der großen Zahl von Flüchtlingen ist eine europäische Aufgabe. Die EU muss sich stärker in den Flüchtlingslagern, zum Beispiel im Libanon oder in der Türkei, engagieren und die Hotspots für die Aufnahme von Flüchtlingen in Griechenland und Italien unterstützen. Und es müssen mehr europäische Staaten Flüchtlinge aufnehmen.

ZEIT: Sollen Menschen an der deutsch-österreichischen Grenze oder an Flughäfen abgewiesen werden, wie Unionspolitiker fordern?

Scholz: Ich bin da skeptisch. Die Grenzen, für die wir Deutschen uns stärker verantwortlich fühlen müssen, sind die Außengrenzen der EU. Sie werden in Zukunft häufiger so aussehen, wie man sich Grenzen klassischerweise vorstellt.

ZEIT: Meinen Sie: mit hohen Zäunen, Stacheldraht und Gräben?

Scholz: Die meisten Grenzen haben Zäune. Das sollten wir nicht kritisieren. Wir werden künftig auch finanzielle Verantwortung übernehmen müssen, damit die Außengrenzen der EU in Ungarn, Polen, Rumänien, Italien oder Griechenland gesichert werden. Denn das sind auch unsere Grenzen.

ZEIT: Sollen wir dafür auch Personal bereitstellen?

Scholz: Darum geht es jetzt nicht, aber ausgeschlossen ist das nicht. Wir müssen drei Dinge erreichen: erstens die Grenzen sichern, zweitens das Leben der Flüchtenden schützen und drittens Menschen davon überzeugen, sich nicht auf den Weg zu machen, wenn sie es nicht wegen politischer oder religiöser Verfolgung oder Krieg tun.