Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Drei Tage nur hält sich der verliebte Dichter Ka in der türkischen Provinzstadt Kars auf, drei Tage, in denen sich ein Jahrhundert kristallisiert. Ka ist aus Frankfurt, der Stadt seines Exils, in das Städtchen unweit der armenischen Grenze gereist. Dort in Kars nehmen sich in einer rätselhaften Serie junge Frauen das Leben. Ka möchte darüber schreiben, er spricht mit dem ganzen Ort, in seinem Notizblock spiegeln sich bald das Elend der Frauen, die zersplitterten Interessen und Ideen der Leute. Am liebsten würde Ka mit der schönen Ipek nach Frankfurt aufbrechen, denn eigentlich ist er ihretwegen nach Kars gefahren. Es kann aber keiner fort: Seit der Ankunft des Dichters schneit es, die Zufahrt zum Ort ist bald durch Schneemassen versperrt, die Welt wird zur Kapsel, einer Schneekugel gleich. In ihr zeigt sich, wie der politische Islam alle Verhältnisse aufwirbelt. Und mit ihm die Liebe.

Orhan Pamuk hat sein Meisterwerk Schnee vor den Attentaten von 9/11 geschrieben, der Roman spielt in den 1990er Jahren, erschienen ist er 2002, und er nimmt vorweg, was seit dem Einsturz des World Trade Center die globalisierte Welt aus den Fugen hebt: dass der Fundamentalismus im Namen des Islams in die weltliche Modernisierung eingewoben ist, noch im abgelegensten Nest der Provinz, und dass der Staat kaum Antworten auf die Gewalt kennt, außer seinerseits durch Gewalt, Militär, Überwachung zu reagieren.

Auch in Kars: Der Ort mag märchenhaft zugeschneit sein, aber seine Situation ist präzise in die türkische Realität eingezeichnet, in der auch der Islamismus als eine gewinnende Alternative gedeiht. Der einst durch die Zugehörigkeit zum russischen Zarenreich blühende Ort ist verarmt, seitdem die Grenze zu Armenien geschlossen ist. Fast die Hälfte der Bevölkerung von Kars ist kurdisch, sonst leben im Ort Aserbaidschaner, Armenier, noch hängt das Bild von Atatürk in den Behörden, aber schon ist der islamistische Terrorist Lapislazuli der Held der Verarmten. Er will, dass über die Geschehnisse in der Frankfurter Rundschau zu lesen ist. Auf die Anerkennung durch den Westen kommt es an.

Aber Politik ist nicht alles. Das eingeschneite Kars wird zum Schauplatz eines Militärputsches, aber auch der Liebe – und der Kunst. Denn in diesen drei Tagen entstehen, wie vom Himmel gefallen, auch Kas Gedichte über den Schnee. Ein Zahlenzauber: Vier Jahre lang hat Ka nicht schreiben können, vier Jahre lang hat er mit keiner Frau geschlafen, und in vier Jahren wird er tot sein, das weiß der Erzähler. Jetzt aber herrscht reine Gegenwart: Nun entstehen, vital, im Chaos der Machtkämpfe und im sexuellen Glück, Gedichte. Sie lassen sich zur Form eines Schneekristalls ordnen: In diesem Kristall zeigt sich die mögliche Ordnung in einer Welt, die durch Gewalt und Fanatismus zerfällt, während durch die westlichen Großstädte nur einsame Ratlose streunen, wie Ka, wenn er im Frankfurter Bahnhofsviertel seinen Pornobedarf deckt.

Der Roman Schnee ist schwer von Gewalt. Und doch ist er leicht wie ein Lautspiel, ein Schauspiel, ein Schneespiel auf K, K wie Kristall: Kar ist das türkische Wort für Schnee, Kars heißt der Ort, Ka ist der Name des Protagonisten, Kadife heißt die entscheidende Figur auf der Bühne der Stadt, Kar wird der Titel des Gedichtbands sein und "Schneepalast" das Hotel heißen, in dem die Liebenden sich endlich doch lieben. Ka-Kars-Kar-Kadife-Kristall: Es ist eine Kunstwelt, in der die politische Realität ihr Gesicht zeigt, doch sie ist im Zeichen des fallenden Schnees zugleich ganz Natur, eine Kunstnatur, die mit der Liebe im Bündnis ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Nein, Orhan Pamuks Roman ist nicht einfach das fast prophetische Epos über den Aufstieg des politischen Islams, als das er bei seinem Erscheinen 2002 gefeiert wurde. Er ist zugleich ein poetologisches Jahrhundertwerk, das davon erzählt, wie die Kunst aus dem gewaltsamen Irrlichtern der Gewalt, der Armut und der Leidenschaften entsteht und wie sie dem Chaos ihre Ordnung entgegensetzt: als Kraft der Verwandlung. Wenn es in diesem Roman etwas gibt, das die Menschen – arm oder reich, atheistisch oder religiös, männlich oder weiblich, tot oder lebendig – miteinander verbinden kann, dann ist es die Lyrik. Genauer: der mystische Sufismus, die sinnliche Meisterkunst gedichteter Liebe.

Alles andere tritt als Groteske, als komische Sequenz des Unglaublichen vor den Leser, wie ein Bühnengeschehen: Im Café erschießt ein Islamist plötzlich den Direktor der Hochschule, weil der den Mädchen nicht erlaubt, ihr Kopftuch zu tragen. Ein sowjetisch geschulter Kommandante Eisenarm erobert die echte Theaterbühne, das Militär übernimmt in Kars die Regie. Zwischendrin treten nationalistische Kurden auf, alte Kemalisten und Kommunisten, Moderate mit allerhand Migrations- und Religionshintergrund, junge islamistische Poeten, sehr sehnsüchtig und vergeblich verliebt, und als Krönung wird Ka in das Versteck von Lapislazuli geführt, dem Oberterroristen, dem Oberverführer, der mal der Geliebte von Ipek war, nun ist Ipeks Schwester Kadife seine Geliebte. Sie alle lieben mit politischen Folgen, auch Ka: Den Vater von Ipek manövriert der Dichter in ein politisches Mandat, damit er das Haus mal verlässt. Ipek kann mit keinem Mann schlafen, wenn ihr Vater im Haus ist, es geht nicht. Der Alte muss raus.

Pamuk konstruiert keine bipolare Gegnerschaft zwischen der islamischen Welt und dem weltlichen Westen, im Gegenteil, er notiert nur, was die Bürger an weltanschaulichen Varianten so vortragen: Die Armut ist der Grund dafür, Gott anzuhängen und sich umzubringen. Die Armut ist nicht der Grund dafür, Gott anzuhängen, wohl aber dafür, sich umzubringen. Die Armut ist für nichts der Grund, sondern nur das weibliche Elend der unumgänglichen Unterwerfung unter ungeliebte alte Männer ist die Ursache für alle Selbsttötungen. Die Armut ist der Grund dafür, Sozialist zu werden und also ins Exil zu gehen. Der Islam ist der Grund dafür, einen Militärputsch im Namen des säkularen Staats durchzuführen. Der Militärputsch ist ein Grund dafür, Gott umso mehr anzuhängen.

Wo Allah sich im Gewimmel oder jenseits des Gewimmels zeigt, ist im Roman strittig. All dies jedenfalls ist der Grund, aus dem Schnee entstanden ist, und dieser Roman ist groß.