Sonntagabends krochen die Ängste herein. Angst vor Kreativstress, Telefonklingeln, dem Gefühl von Einsamkeit. Jeden Sonntagabend bekam sie Heulkrämpfe, konnte stundenlang nicht einschlafen. Montagfrüh dann, mit Ringen unter den Augen und Make-up darüber, radelte Maja Scholz* dennoch zur Arbeit.

Das war vor drei Monaten. Eigentlich war der Volontärin in einer PR-Agentur da längst klar: Irgendwann würden ihre Kollegen das Versteckspiel bemerken. "Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und habe viele Fehler gemacht", erzählt sie. Bereits vor Wochen hatte der Hausarzt die Diagnose Depression gestellt. "Doch ich dachte immer: Ich muss funktionieren, die anderen funktionieren ja auch. Ich kann mein Team nicht im Stich lassen."

Wenn sie zum Psychotherapeuten ging, sagte sie ihrem Chef, sie hätte Physiotherapiestunden. Wenn sie krankmachte, um Energie aufzutanken, sagte sie, sie habe Bauchschmerzen. Auch privat kapselte Scholz sich immer mehr ab. Doch irgendwann sah sie ein: "Ich bin eine schlechte Lügnerin."

Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Obwohl es so viele betrifft, sind psychische Erkrankungen ein heikles Thema, werden noch immer unterschätzt. Für einen Bandscheibenvorfall hat jeder Verständnis – aber für eine Depression? In Büros und Fabriken im ganzen Land verstecken deshalb viele Arbeitnehmer ihr seelisches Leid – aus Angst davor, stigmatisiert zu werden. Sie wollen sich nicht outen, fürchten sie doch Karrierenachteile. Zu Recht?

"Was Depressionen angeht, gibt es in unserer Gesellschaft immer noch enorme Wissenslücken und eine Bagatellisierung", sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Viele Menschen würden glauben, die Depression sei keine richtige Krankheit: einmal ausschlafen, ein Kurzurlaub, schon sei das Problem gelöst. Alles würde in einen Topf geworfen: Burn-out, Überarbeitung, Depression. Oftmals werden die Erkrankungen auch noch unterschiedlich bewertet, beobachten Experten: Ein Manager mit Burn-out habe für sein Unternehmen gebrannt, während ein einfacher Angestellter mit Depression sich offenbar nur hängen lässt. "Burn-out ist die Krankheit der Starken, Depression die Krankheit der Schwachen", kritisiert Carsten Burfeind, Trainer für psychische Gesundheit in der Arbeitswelt, der Unternehmen im Umgang mit psychisch Kranken berät.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Macht Stress im Beruf depressiv? Während nach landläufiger Meinung unsere beschleunigte Arbeitswelt immer mehr psychisch Kranke ausspuckt, sehen die meisten Experten keinen so simplen Zusammenhang zwischen Arbeit und psychischen Erkrankungen. "Dass Depressionen häufiger diagnostiziert werden, liegt vor allem daran, dass sie häufiger erkannt werden", sagt Hegerl. Für ihn steht fest: Die Arbeit ist es nicht allein, die krank macht. Die Gene spielen dabei ebenso eine Rolle wie persönliche Erfahrungen und Erziehung. Die Krankheit macht auch keine Klassenunterschiede: Sie trifft Manager, Leistungssportler und Politiker ebenso oft wie Büroangestellte, Fabrikarbeiter oder Mütter.

Die Frage ist, wie offen die Arbeitswelt mit dieser Tatsache umgeht. Irgendwann stehen die meisten Arbeitnehmer mit einer psychischen Erkrankung schließlich vor der Frage: Soll ich es dem Chef sagen, oder soll ich doch lieber schweigen? "Wenn man merkt, dass man mit der Arbeit nicht mehr zurechtkommt, sollte man darüber sprechen", sagt Hegerl. Vor einem Outing sollte man aber abwägen, wie gut die Arbeitsatmosphäre und wie offen das Team sind. Coach Carsten Burfeind rät Betroffenen, erst zu überlegen, ob sich die Arbeitsbedingungen auf das Entstehen der Krankheit ausgewirkt haben. Haben der Druck, die Unsicherheit oder die Atmosphäre in der Arbeit die Krankheit mitverursacht? Dann müsse in einem Gespräch mit dem Vorgesetzten um Verständnis geworben und über Veränderungen nachgedacht werden. Solange der Auslöser aber nicht der rücksichtslose Chef oder die nicht zu bewältigende Arbeit sei, sieht Burfeind vorerst keinen Grund, mit seinem Vorgesetzten über seine psychische Krankheit zu sprechen. Denn am Arbeitsplatz ist niemand dazu verpflichtet, über eine konkrete Diagnose Auskunft zu geben – sei es Diabetes, Aids oder eben eine Depression.

Maja Scholz war irgendwann an dem Punkt, dass sie die Heimlichkeiten nicht mehr ertrug. Wochenlang hatte sie versucht, alle Aufgaben so gut es ging zu bewältigen. Doch das Vertuschen belastete ihre Psyche noch zusätzlich. Eines Morgens bat sie ihren Vorgesetzten um ein vertrauliches Gespräch. "Ich habe ihm einfach ganz konkret gesagt, dass ich eine Depression habe", sagt Scholz. Sie hatte Glück: Ihr Chef reagierte verständnisvoll. Gemeinsam überlegten sie, was nun zu tun sei.