Wo die Welt noch in Ordnung ist, hängt roter Samt an den Wänden. In einem langen Gang stehen Büsten verdienter Sozialdemokraten. Über den Bildschirm eines Monitors flimmern Schwarz-Weiß-Bilder von Maiaufmärschen, aus den Lautsprechern tönt die Internationale. Darüber hängt ein Kopf von Parteigründer Victor Adler, als wolle er die Besucher des Museums im Wiener Karl-Marx-Hof an die Ideale der Arbeiterbewegung erinnern. Den Proletariern eine Stimme geben – und vor allem einen Platz zum Leben. Der kommunale Wohnbau ist das bestimmende Thema der kleinen Schau im ehemaligen Waschsalon. Bis heute sind Gemeindebauten und geförderte Wohnungen das politische Kapital der Wiener SPÖ, die seit dem Ersten Weltkrieg – unterbrochen nur von der faschistischen Zeit – die Stadtregierung dominiert. 62 Prozent aller Wiener leben in einer dieser Wohnungen, das sind rund eine Million Menschen. Das Thema Wohnen ist nach wie vor eine Grundfeste der Sozialdemokratie, ihr Stein gewordener Beweis für soziale Politik in Zeiten, die alles andere als rosig sind.

Gerne betont die SPÖ ihre Erfolge: dass es viel geförderten Wohnraum mit günstigen Mieten gibt, was den Preisboom im privaten Sektor dämpft. Publikumswirksam wurde der Bau neu konzipierter Gemeindebauten verkündet. Die Opposition fordert politische Änderungen und ortet systematische Misswirtschaft. Das dichte Netzwerk des roten Wohnimperiums diente nämlich früher nebenbei auch dazu, Günstlinge mit Posten und Wohnungen zu versorgen – selbst Journalisten wurden mit Apartments bedacht. Die inhaltliche Debatte geriet im Wahlkampf in den Hintergrund.

Ende des 19. Jahrhunderts waren es Zuwanderer aus Böhmen und Mähren, die unter sklavischen Bedingungen die Prachtbauten der Wiener Ringstraße errichteten. Für ihre menschenwürdige Unterbringung forderte die Sozialdemokratie die Errichtung billiger Wohnungen durch die Kommune. Zunächst erließ Kaiser Franz Joseph 1902 ein Gesetz zur Begünstigung genossenschaftlicher Wohnhäuser. Zwischen 1919 und 1933 errichtete das Rote Wien dann 382 monumentale Gemeindebauten und schuf ein sichtbares Zeugnis des neuen politischen Selbstbewusstseins. "Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen", rief Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes am 12. Oktober 1930. Die Zeiten haben sich geändert.

Seit dem Beitritt zur EU müssen öffentliche Vergaben international ausgeschrieben werden. Das machte das Bauen durch die Stadt zu kostspielig. Ende der neunziger Jahre zog sich Wien aus dem kommunalen Wohnbau zurück und überließ das Feld den privaten gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften, die mit Förderungen und privaten Krediten bauen. Viele Gesellschaften sind aber nach wie vor politisch klar zuordenbar. Das ergibt sich zum Teil schon durch die Eigentümer, oftmals Banken und Versicherungen. Raiffeisen? Das wäre eher ÖVP. Bank Austria oder die Vienna Insurance Group? SPÖ. Auch im Verband der gemeinnützigen Bauvereinigungen gibt es eine schwarze und eine "rote" Fraktion. Seit einem Wohnbauskandal im Burgenland Anfang der achtziger Jahre darf auf VP-Seite kein aktiver Politiker mehr eine leitende Funktion in einer der Gesellschaften innehaben. In der SPÖ ist das noch eher die Regel als die Ausnahme. Einer der Giganten, mit einer Bilanzsumme von 558 Millionen Euro, ist die Sozialbau AG. Die Vorstände und Aufsichtsräte ihrer Tochtergesellschaften sind geradezu mit roten Bezirks- und Landespolitikern gespickt. Die Gesellschaften sind per Definition zwar gemeinnützig, also nicht gewinnorientiert, dürfen in begrenztem Maße aber Eigenkapital aufbauen und eine jährliche Rendite von bis zu 3,5 Prozent ausschütten. Das alleine ist den politischen Gegnern ein Dorn im Auge.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In Wien gibt es 220.000 Gemeindewohnungen und etwa 200.000 geförderte Wohnungen. Gemeindewohnungen werden transparent vergeben, genau wie ein Drittel der neuen Genossenschaftswohnungen. Die Vergabe der restlichen zwei Drittel bleibt aber den Bauträgern selbst überlassen, die praktisch nur auf die Einhaltung der Einkommensgrenze achten müssen – und die ist mit einem Netto-Jahreseinkommen von 43.970 Euro pro Person so hoch, dass etwa 80 Prozent aller Einkommensbezieher darunterfallen. Noch bevor die Projekte auf den Webseiten veröffentlicht werden, gibt es in der Regel schon eine Reihe an Interessenten, und jede Gesellschaft hat eine VIP-Liste.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass bereits unter Bruno Marek, Wiens Bürgermeister von 1965 bis 1970, Journalisten Sozialwohnungen zugeschanzt bekamen. Roman Schliesser werkte von 1966 bis 1993 als Adabei bei der Kronen Zeitung und bestätigt, dass es solche Fälle gegeben hat. "Aber ja", sagt er. "Es gab Situationen, in denen Journalisten, die geflissentlich geschrieben haben, mit Wohnungen belohnt worden sind." An Namen könne er sich nicht erinnern. Für konkrete Fälle braucht man aber nicht allzu weit in der Vergangenheit zu stöbern. Ein ehemaliger Journalist, der mittlerweile das Metier gewechselt hat, wohnt mit seiner Familie in einer schönen Genossenschaftswohnung, die ihm, wie er erzählt, aus dem Umfeld des früheren Stadtrates Werner Faymann vermittelt worden sei. "Man hat das schon im Hinterkopf", sagt er. Eine "glatte Verleumdung" sei das, heißt es aus dem Büro des heutigen Bundeskanzlers. Personen, die an den Vermittlungen beteiligt gewesen sein sollen, dementieren heftig und äußerst gereizt.

Die Wohlhabenden wollen unter sich bleiben

Im steirischen Wahlkampf sagte Landeshauptmann Franz Voves 2012, die SPÖ habe keine Wohnungen mehr zu vergeben und müsse sich endlich in eine Dienstleistungspartei umwandeln. Ist Wien hier immer noch anders? Nein, sagt SPÖ-Wahlkampfmanager Georg Niedermühlbichler, Landesgeschäftsführer und Präsident der Mietervereinigung. "Wir bauen keine Wohnungen, um Wähler zu befriedigen, sondern damit die Menschen ordentlich versorgt sind. Dass die Partei Wohnungen vergibt, mag es in der Vergangenheit einmal gegeben haben, allerdings würde ich das nicht überschätzen. Das ist nichts, womit man Wahlen gewinnen kann." Sehr wohl würde man Menschen helfen, die sich nach Wohnungen erkundigen, und sie weiterverweisen. "Alles andere halte ich für kontraproduktiv. Ich würde jedem empfehlen, den geraden Weg zu gehen."

Die SPÖ verteidigt die hohen Einkommensgrenzen mit dem Argument der sozialen Durchmischung. Nur einmal, beim Einzug, wird das Gehalt überprüft. In einer Studie hat der Sozialwissenschaftler Maarten van Ham von der Universität Delft herausgefunden, dass die Segregation in Wien zugenommen hat. Die Zahl der Dienstleistungsberufe hat sich nahezu verdoppelt – und gut Verdienende wollen unter Ihresgleichen leben.

Minderqualifizierte Einwanderer ziehen dorthin, wo das Wohnen billig ist. Soll also der soziale Wohnbau für die Mittel- und Oberschicht offen bleiben oder der Fokus mehr auf Geringverdiener gelegt werden? "Wie immer in der Politik braucht es wohl eine gute Balance zwischen beidem", sagt van Ham. "Es gibt keine einfache Lösung."

An sich sei das System gut austariert und missbrauchsresistent, sagt Wolfgang Amann, Leiter des Instituts für Immobilien, Bauen und Wohnen, das Forschung zum Thema betreibt. Mit wachsenden Wartelisten erhöhe sich aber der Druck, genug Wohnraum für wirklich Einkommensschwache zur Verfügung zu stellen. 2014 gab es in Wien 13.000 Wohnungsbewilligungen, darunter 9.000 mit einer Förderzusicherung. Die derzeitige Wohnungsproduktion reiche für die normale Zuwanderung aus, sagt Amann. "Durch die Massenzuwanderung an Asylsuchenden stoßen wir aber tatsächlich an Grenzen." Dazu werde das Bauland knapp. Und: Auf dem privaten Markt sei kein erschwinglicher Grund mehr für den geförderten Wohnbau zu bekommen. "Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen." Um die soziale Treffsicherheit zu erhöhen, schlägt er vor, mehr von den gemeinnützig errichteten Wohnungen fix an die untersten Einkommensschichten zu vergeben. Auch die Grünen fordern das. Mitten im Wahlkampf wollte sich die SPÖ auf solche Diskussionen nicht einlassen. Stattdessen wurde der Bau neu konzipierter, besonders günstiger Gemeindewohnungen verkündet, zu deren Errichtung die Stadt mehr beisteuert. Der hohe Finanzierungsbeitrag, den Mieter sonst für Genossenschaftswohnungen zahlen müssen, fällt hier weg.

Natürlich werde die Nachfrage nach günstigem Wohnraum steigen, sagt Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. "Darum haben wir unsere Wohnbauleistung ja auch stark angehoben." Unter anderem mit dem Smart-Wohnbauprogramm habe er eine ganze Reihe an Maßnahmen getroffen, um den Schwerpunkt auf kleinere, kostengünstigere Einheiten zu legen.

Während das Wahlverhalten in den Genossenschaftshäusern schwer abzuschätzen ist, gilt der Gemeindebau nach wie vor als Bastion der SPÖ. Mit etwas Abstand folgt die FPÖ, die aufgeholt hat. Den klassischen Arbeiter wird man hinter den historischen Mauern jedenfalls nicht mehr finden.

Unweit des Museums im Karl-Marx-Hof liegt der Platz des 12. Februar. Hier krachten bei der Niederschlagung des Bürgerkrieges 1934 Artilleriegeschosse in die Mauern. Heute ist das Bollwerk der Roten blau durchzogen. "Wählt ihr den Strache?", bellt eine sonnengebräunte Frau in ihren Fünfzigern und geht auf ein junges Pärchen auf einer Parkbank zu. In ihrer rechten Hand ein FPÖ-Flyer, in ihrer Linken eine halb leere Wodkaflasche. "Lass uns in Ruhe", faucht sie der Bursch mit türkischen Wurzeln an. Ein Stück weiter spielen kleine Kinder. Eine Frau mit Kopftuch schlendert die Rasenbankette entlang, weiter drüben leeren drei tätowierte Männer ihre Bierdosen. In der Mitte des Platzes verkörpert eine Statue von Otto Hofner das alte Arbeiterideal: ein athletischer Mann, die Hände hoffnungsfroh zum Himmel erhoben. Allzu viel scheinen sich die Menschen hier aber nicht von der Zukunft zu erwarten. An einer Straßenbahnhaltestelle in der nahen Heiligenstädterstraße kündigt ein FPÖ-Plakat eine "Oktoberrevolution" an. Zumindest die Volksweisheit besagt, dass angesagte Revolutionen nicht stattfinden.