Es ist noch dunkel. In den frühen Morgenstunden des 1. Oktober versammelt sich eine Handvoll Polizisten unter dem Kommando des Kreuzberger Kommissars Ahmet Karakas auf dem Hof der Polizeidirektion V.

Was sie jetzt vorhaben, soll möglichst schnell, leise und korrekt über die Bühne gehen: Die Menschen, die auf Karakas’ langer Liste stehen, müssen Deutschland verlassen. Sofort. Sie sind, wie es im sperrigen Deutsch des Asylrechts heißt, "vollziehbar ausreisepflichtig". 162 Männer, Frauen und Kinder sollen bis 11.30 Uhr gefunden, identifiziert, in Mannschaftswagen gebracht und durchsucht werden, um schließlich rechtzeitig am Berliner Flughafen Schönefeld in einer Chartermaschine zu sitzen, die sie nach Belgrad, Prishtinë und Sarajewo bringt.

Karakas trägt verwaschene Jeans, Gel im Haar und ein freundliches Lächeln. Dazu eine schusssichere Weste, Handschellen, Pfefferspray und eine geladene Pistole. "Wir können lieb", sagt er ruhig, "aber wir können auch anders. Für mich ist das Entscheidende, dass meine Kollegen und ich da heil rauskommen aus dem Einsatz."

Wenn er von zurückliegenden Abschiebungen erzählt, erinnert er sich vor allem an die dramatischen Selbstverletzungen der Flüchtlinge. Ein Albaner, den er vor ein paar Monaten aus dem Bett klingelte, griff sich blitzschnell eine Flasche vom Nachttisch, schlug sie an der Wand auf und rammte sie sich in den Hals. Ein anderer Mann, ein junger Pakistaner, wollte sich aus dem Fenster stürzen. Karakas und ein Kollege konnten ihn gerade noch an den Füßen festhalten, und da standen sie dann, minutenlang, bis Hilfe kam. Eine Frau trank Shampoo, als sie zurück in den Senegal sollte.

Einmal erlaubte Karakas einem Serben, sein Handy mit ins Flugzeug zu nehmen. Die Bundespolizei, die ab dem Flughafen die Abschiebung übernimmt, berichtete Karakas später von der Rasierklinge, die der Mann anstelle einer SIM-Karte im Handy versteckt hatte. Kurz vor der Landung nahm er sie aus dem Telefon, um sich die Pulsadern aufzuschneiden. Jetzt, beim ersten Einsatz an diesem Oktobermorgen, befürchtet Karakas nichts dergleichen. Eine bosnische Familie – Vater, Mutter und drei Kinder – soll abgeschoben werden. "In so einer Situation tun sich die Eltern nichts an, schon der Kinder wegen", sagt Karakas. "Für die wollen sie ja stark sein, denen wollen sie ein Halt sein, kein Häufchen Elend. Bei Einzelpersonen muss man vorsichtig sein. Da haben wir immer einen Arzt dabei."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Der Van mit den dunklen Scheiben, in dem der Kommissar und seine Kollegen unterwegs sind, hält vor einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber im Süden der Stadt. Weder der Nachtpförtner noch der Betreiber der Einrichtung wussten, dass die Polizei an diesem Morgen kommen würde. Auch die bosnische Familie wusste nur, dass, jedoch nicht, wann man sie abholen würde. Aber die fünf schreien nicht, sie protestieren nicht, sie weinen nicht. Sie sagen gar nichts. Sie sitzen auf gepackten Koffern. Als sie den Satz hören "Wir kommen, um Sie nach Hause zu bringen", werfen sie sich die Anoraks über und folgen den Beamten schweigend in den Mannschaftswagen.

In der Flüchtlingskrise ist Abschiebung zu einem Schlüsselbegriff geworden. So groß ist die Zahl und die Not derer, die vor Bürgerkriegen und Diktaturen nach Deutschland geflohen sind, dass immer weniger Verständnis für jene da ist, die keinen Anspruch auf Asyl haben. Viele von ihnen stammen aus dem Westbalkan und sind gekommen, weil sie ein besseres Leben suchen. Freiwillig verlassen nicht viele Ausreisepflichtige Deutschland. Und zwangsweise gehen auch nicht viele.

Von 190.000 Ausreisepflichtigen wurden in diesem Jahr bis zum Sommer nur 8.200 abgeschoben – also nicht einmal fünf Prozent. In den meisten Bundesländern ändert sich das jetzt; doch in einigen wie dem rot-rot-grün regierten Thüringen ging die Zahl der Abschiebungen 2015 sogar zurück. Dabei ist für dieses Jahr bundesweit mit etwa 100.000 neuen chancenlosen Anträgen zu rechnen, vor allem aus Osteuropa.

Solange die Zahlen der Asylbewerber niedrig waren, hat diese laxe Praxis niemanden gestört – im Gegenteil. "Wir waren nie Abschiebe-Weltmeister, und das wollen wir auch gar nicht sein", sagt ein Beamter aus einem Bundesland, dessen Abschiebequote notorisch niedrig ist. "Wir wollen menschlich bleiben." Härtefall-Kommissionen, Kirchenasyl, ein Winter-Abschiebestopp wie in Thüringen und Schleswig-Holstein oder ein "Sensibilisierungserlass" wie in Nordrhein-Westfalen, der die Behörden auffordert, Abschiebungen in das Kosovo auf besondere Härten zu überprüfen – all das ist Ausdruck eines höchst ambivalenten Verhältnisses zum Abschiebegesetz. Ein Nein sollte kein Nein sein, höchstens ein "Neinchen". Wie weit dieses zwiespältige Gefühl selbst die Exekutive erfasst, zeigt ein Video der Bundespolizei, das sich an Menschen im Westbalkan richtet, also an jene, deren Chancen auf Asyl gleich null sind. Die Bilder sollen eigentlich abschrecken, sie sollen vor einer Abschiebung warnen. Doch das Video zeigt die Abschiebung am Flughafen so sanft und die Polizeibeamten so hilfreich und mitfühlend, dass der Film eher eine Werbung für die Bundesrepublik ist. Deutschland führe sich wie ein "Hippie-Staat" auf, hatte der britische Politologe Anthony Glees kürzlich in einem anderen Zusammenhang gelästert.

Zwar neigten traditionell eher rot-grün regierte Bundesländer zur Zurückhaltung bei Abschiebungen. Aber auch CDU-Innenminister waren nicht scharf auf die Fotos, auf die schlechte Presse und den öffentlichen Aufschrei, die mit Abschiebungen einhergingen.

Es reicht, die Tür nicht zu öffnen

An diesem Oktobermorgen zeigt sich, woran Abschiebungen auch sonst noch oft scheitern. Als der Polizeitrupp zur zweiten Adresse auf der Liste fährt und an der Tür klingelt, ist keiner da. Ein Beamter klopft, aber niemand öffnet. Vielleicht ist wirklich keiner im Zimmer, der Heimleiter weiß es nicht und darf es auch nicht überprüfen. Es reicht, einfach nicht aufzumachen. Die Beamten haben kein Recht, die Tür gewaltsam zu öffnen.

Es gibt noch weitere Gründe für die Erfolglosigkeit von Abschiebungen: 73 Prozent der Flüchtlinge geben zum Beispiel an, keine Dokumente zu haben, keinen Pass, keinen Ausweis, keinen Führerschein. Diese Menschen kann man nicht abschieben, weil man nicht weiß, wohin. Etliche haben sich die Fingerkuppen verätzt und können deshalb nicht in der Fingerabdruck-Datei identifiziert werden. Manche machen auch Krankheiten geltend, die eine Abschiebung verhindern. Es ist schwer, nachzuweisen, dass ein Flüchtling nicht unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Und natürlich fehlt es überall an Personal – an Beamten, Polizisten, Ärzten. Einige Bundesländer haben in den vergangenen Jahren sogar Stellen abgebaut.

Ahmet Karakas arbeitet in einer Sondereinheit der Berliner Polizei, die sich mit Integrationsfragen befasst, Kontakte zu Moscheen und Selbsthilfeorganisationen hält. Viele der Beamten haben einen Migrationshintergrund. Die Truppe, die sich AGIM nennt, ist selbst Ausdruck des deutschen Unbehagens über die Härten des Asylrechts. Wenn man schon abschieben muss, so die Überlegung, dann sollten das ruhig Leute mit ausländischen Wurzeln machen. Die hätten vielleicht kein so schlechtes Gewissen.

Und so ist es tatsächlich. "Manche, die abgeschoben werden sollen, fangen an, von Rassismus herumzuschreien, das zieht halt bei mir nicht", sagt Karakas, ein Sohn türkischer Einwanderer. In der AGIM arbeiten auch Beamte mit afghanischen oder arabischen Wurzeln und Stipo Vrdoljak, dessen Eltern Serben sind.

In der kalten Morgensonne macht die Polizeitruppe eine Kaffeepause vor einer Einrichtung für Asylbewerber in Berlin-Steglitz. "Natürlich bin ich nicht stolz drauf, eine Familie aus Bosnien aus dem Bett zu holen und zum Flughafen zu bringen, das sind ja keine Verbrecher", sagt Vrdoljak. "Aber oft sind auch Leute darunter, die hier mehrfach straffällig geworden sind. Da macht es mir dann gar nichts aus."

Karakas wie Vrdoljak wundern sich über Männer, die ihre Familien im Kriegsgebiet zurücklassen und es erst mal allein in Deutschland versuchen. "Das verstehe ich nicht", sagt Karakas. "Ich würde sagen: Entweder wir sterben hier alle zusammen, oder wir fliehen zusammen." Die Männer seien doch nicht tougher, nicht zäher als die Frauen. "Wie oft haben wir die heulend im Polizeiwagen sitzen." Karakas ist überzeugt, der richtige Mann am richtigen Platz im deutschen Rechtssystem zu sein. Aber er sagt auch: "Wenn ich nach Dienstschluss vor die Tür trete, dann bin ich für die Leute einer von den Ausländern." Einer von den Fremden.

Die Bilanz der Abschiebeaktion an diesem 1. Oktober: Von 162 Abzuschiebenden wurden 52 der Bundespolizei am Flughafen Schönefeld übergeben. Der Rest war nicht da. Die Kosten trägt das Land Berlin.