Leise knacken die Zweige und rascheln die Blätter, als Karl-Heinz Frommolt sich voranpirscht. Grimmig schaut der Biologe in die Baumwipfel, auf den Ohren ein Paar schwarze Kopfhörer, in der Hand ein gewaltiges Mikrofon. Ein paar Schritte hinter ihm schlurft sein junger Kollege durch die Natur. Mario Lasseck raucht eine Zigarette und starrt auf sein Smartphone. Nach einigen Minuten auf der Pirsch grummelt Frommolt: "Sie haben sich leider die denkbar schlechteste Zeit ausgesucht, um Vogelgesänge zu studieren."

Stimmt. Die Balzzeit ist längst vorbei, die gefiederte Welt ist nicht in Singlaune. Aber man hat eben nicht oft die Chance, mit einem preisgekrönten Experten nach Vogelstimmen zu jagen. Der Preisträger, das ist in diesem Fall weder der Biologe Frommolt noch der Informatiker Lasseck. Es ist der namenlose, unsichtbare Dritte, der uns begleitet: der Algorithmus, den Lasseck und Frommolt entwickelt haben. Die Software erkennt über tausend Vogelstimmen – und zwar ausgesprochen treffsicher. Im Wettbewerb LifeCLEF setzte sie sich gegen 130 andere Vogelstimmen-Programme durch und belegte den ersten Platz.

Doch während im Wettbewerb keine Hintergrundgeräusche störten, muss sich die Software heute im Freien beweisen: Wir laufen durch den Volkspark Humboldthain in Berlin. Man hört Kinder kreischen, in der Ferne quietschen die Bremsen der S-Bahn. Wenn Lassecks Programm selbst in so einer Lärmkulisse bestehen könnte, wäre das eine beachtliche Leistung. Eine halbe Stunde dauert es, bis wir das erste Testobjekt finden, eine Kohlmeise. Still sitzt sie im Baum und putzt sich das gelb-grüne Gefieder – und dann, endlich, neigt sie den Kopf und tut es: Sie singt.

Lasseck reckt sein Smartphone empor, Frommolt richtet das Mikrofon auf die Meise. Beide drücken auf Aufnahme. Rauf und runter geht die Melodie der Meise. Kurz darauf laden die beiden Männer die Töne erst in den mitgebrachten Laptop und dann auf die Testseite des Berliner Naturkundemuseums, auf dem die Software läuft. Derzeit ist das Verfahren umständlich. Ideal wäre es, das Zwitschern sofort zu analysieren, sagt Lasseck (sprich: per Smartphone). Noch erscheint auf dem Bildschirm des Laptops nach und nach eine Liste von Vogelarten, rechts daneben Prozentzahlen. Sie geben an, wie sehr das eingespielte Material übereinstimmt mit gespeicherten Aufnahmen zum jeweiligen Vogel. Das Design der Webseite ist dürftig, doch das Programm hält, was es verspricht: "Kohlmeise" landet auf Platz eins. "So läuft es im Idealfall", sagt der Informatiker Lasseck. Der Vogelkundler Frommolt ergänzt: "Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut das Programm Vögel erkennt." Sogar Experten wie ihm verlangt der Algorithmus Respekt ab.

Bereits vor Jahren stellte Frommolt immer wieder Mikrofone in deutsche Wälder, um insbesondere scheue und nachtaktive Vögel wie Eulen aufzunehmen. "Mit fest installierten Geräten stören wir die Tiere weniger; außerdem muss sich keiner von uns nachts im Wald die Füße abfrieren", erklärt er. Doch irgendjemand musste die Stunden an Material abhören. Eine Heidenarbeit, die Lassecks Software nun wohl vereinfachen könnte.

Selbst wenn Scharen an Mikros jeden Abend in einen Wald hineinhorchten, wäre das kein Problem mehr. Die Software könnte eine Vorauswahl an relevanten Gesängen treffen und sie den Vogelarten zuordnen. Menschliche Experten wie Frommolt würden am nächsten Morgen lediglich die wenigen Minuten an ausgewähltem Material kontrollieren und überprüfen, ob die Software mit ihrer Einordnung richtig lag. Ein Traum für jeden Vogelkundler.