Zum zweiten Mal seit 2008 hat Simon Rattle in der vergangenen Woche mit den Berliner Philharmonikern alle neun Beethoven-Sinfonien aufgeführt und nach Antworten auf ein paar reichlich verzwickte Fragen gesucht. Ein Mammutprojekt, "the Everest of the classical repertoire", wie Rattle es in einer Videobotschaft halb ehrfürchtig, halb süffisant formuliert. Für den Engländer, der die Leitung des Spitzenorchesters 2018 abgeben wird, sind diese Konzerte keine Bewährungsprobe mehr wie beim ersten Mal, als er seinen Ruf in Sachen Kernrepertoire (Beethoven, Brahms, Bruckner) verteidigen und es all jenen zeigen wollte, die da behaupteten, er habe der philharmonischen Klangkultur nicht nur nichts hinzuzufügen, sondern zerre sie durch notorisches Liebäugeln mit Randständigem von Rameau bis Adès regelrecht in den Abgrund. Ob er die Probe damals bestanden hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. In jedem Fall dürfte Rattle heute entspannter zu Werke gehen – womit er nicht der erste philharmonische Chefdirigent wäre, der erst im Angesicht der Scheidung glücklich zu sich selbst fände.

Für die Philharmoniker wiederum ist jeder Beethoven-Zyklus ein Lackmustest: Wo steht das Orchester technisch, mental, geistig? Welche musikalischen Durchdringungskräfte vermag es freizusetzen, wie viel Inspiration? Rund 30 komplette Zyklen haben die Berliner von 1914 bis heute bestritten. Anfangs rangierten sie noch unter den "Populären Konzerten", seit Herbert von Karajan gelten sie als Chefsache. Simon Rattles zweiter Anlauf dürfte insofern ein historischer sein, als die wahrhaft ungeheuerliche Virtuosität der Musiker Beethoven, den "Unspielbaren", nun endgültig eingeholt, wenn nicht überholt zu haben scheint. Doch was bedeutet das?

6. Oktober

Was die Abfolge der Sinfonien an fünf Abenden betrifft, wählt Sir Simon nicht die chronologische, sondern die dramaturgische Variante. Die gestattet neben mehr zeitlicher Flexibilität auch inhaltliche Seitenblicke. Und: Es gibt wirklich nur Beethoven zu hören, nicht, wie 2008, auch noch Anton Webern, als Würzmittel der Moderne. Diesmal will Rattle es offenbar wissen.

Zu Beginn also: die Erste und die Dritte, die sogenannte Eroica. Das perfekte Woher (nämlich aus der Wiener Klassik) neben dem prometheischen Wohin, Richtung Schubert, Mahler, Alban Berg. So unmittelbar diese Konstellation überzeugt, so viele Fragen wirft sie auf. Zum Beispiel: Darf Beethoven wirklich wie Haydn klingen, wenn Rattle den Beginn des Andante der Ersten so luftig nimmt, als flögen reihum die Rokokoschößchen (über haarigen Männerbeinen wohlgemerkt)? Das Menuett wiederum inszeniert er als Feuerwerkskörpermusik, es knattert, zischt und pufft, und ins Perpetuum mobile des Finales baut er so gekonnt kleine Stolperfallen ein, dass sich die Hybris dieser noch jungen Sinfonie, eine große, ausgewachsene sein zu wollen, von selbst dekuvriert. Beethoven, der Schelm!

An der Eroica nach der Pause indes ist kaum etwas prometheisch, weder die zunächst berechnende, dann enttäuschte Liebe des Komponisten zu Napoleon, dem die 1804 uraufgeführte Sinfonie gewidmet sein sollte, noch ihre völlig neuartige musikalische Dimension. Bei allem Pulverdampf, der über dem Kopfsatz schwebt, scheinen Rattle und die Philharmoniker den Grundton nicht recht zu treffen. Das Leichte federleicht, das Schnelle irrwitzig schnell – während alles Entwicklungsromanhafte der Musik seltsam erstarrt wirkt, pastos, ausbuchstabiert, als glaubte Rattle mehr an die Macht der Umstände als an die Souveränität des (künstlerischen) Individuums. Schön, die c-Moll-Einsamkeit zu Beginn des Trauermarschs. Sehr schön, wie dieser am Ende in sich selbst verschwindet.