Bettina Reitz leitet künftig die Filmhochschule München. © dpa

DIE ZEIT: Bettina Reitz, als Verantwortliche für Spielfilme und Serien waren Sie eine Galionsfigur der ARD. Nun verlassen Sie das Fernsehen. Gibt es dort nicht mehr die Kultur- und Filmleidenschaft, die Sie antreibt?

Bettina Reitz: Das Angebot, die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen als hauptamtliche Präsidentin zu leiten, kam nun einmal gerade jetzt. Wäre die Anfrage nicht gekommen, wäre ich wahrscheinlich Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks geblieben. Aber ich verhehle nicht, dass ich die Zukunft des Films und der Serien innerhalb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens skeptisch sehe. Zumindest einzelne Landesrundfunkanstalten wie der BR haben hier mit harten Einsparungen zu kämpfen. Salopp gesagt, fühlte ich mich irgendwann wie eine Art Sterbebegleiterin des klassischen Fernsehens.

ZEIT: Für Außenstehende ist nicht so einfach zu verstehen, weshalb das Fernsehen so hart sparen muss. Die Beiträge wurden doch erhöht.

Reitz: Mehreinnahmen liegen auf Sperrkonten. Die Budgets sind seit vielen Jahren eingefroren, die Ausgaben aber immer weiter gestiegen. Ein immenser Posten ist die Altersversorgung. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten gehen weitere Mitarbeiter in Pension, die in den Zeiten guter Personalausstattung eingestellt wurden. Hinzu kam eine aufwendige technische Entwicklung: unter anderem die Digitalisierung, die neu aufgebauten IT-Bereiche. All diese Ausgaben mussten wir erst einmal stemmen. Leider kann man an gar nicht so vielen Positionen einsparen, sodass es am Ende das Programm trifft. So bitter das ist.

ZEIT: Verzetteln sich die Sender nicht auch? Da fließt viel Geld in Web-Auftritte, in Apps, in Projekte zur Trimedialität, also zur Zusammenlegung von Fernsehen, Radio und Online. Es wird enorm viel herumgewurschtelt, ohne sich auf die eigentliche Stärke zu verlassen: das Programm.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Reitz: Das stimmt einerseits. Aber ich muss die Versuche der letzten Jahre verteidigen. Ob Web-Angebote etwas bringen oder nicht, kann man nur sagen, wenn man sie ausprobiert hat. Am Anfang wurde sogar gefordert, die Sender von allen digitalen Aktivitäten völlig abzuhalten. Nach dem Motto: "Die private Wirtschaft geht jetzt ins World Wide Web, und ihr macht mal schön klassisches Fernsehen." Aber die Politik musste einsehen, dass wir auch im Netz präsent sein müssen. Es gab eine ganz große Unsicherheit über das, was der klassische öffentlich-rechtliche Rundfunk darf. Und so wie er in Deutschland nach dem Krieg aufgebaut wurde, war er nicht sofort mit dem vereinbar, was sich der digital user so wünscht. Es war eine historische Umbruchphase.

ZEIT: Hätte man die Budgets also erhöhen müssen?

Reitz: Vonseiten der Politik hieß es: "Lernt erst einmal zu sparen!" Daher wurde das von ARD und ZDF gemeinsam entwickelte Jugendangebot viel zu spät freigegeben und ist nur online verfügbar. Die Jugend ist inzwischen längst von amerikanischen Angeboten "erzogen" worden – und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sie verloren.

ZEIT: Kann man sie zurückgewinnen?

Reitz: Unter anderem um diese Frage gemeinsam mit der Jugend zu beantworten, gehe ich zur Filmhochschule. Trotzdem überkommt mich da eine gewisse Melancholie, weil wir, wenn überhaupt, dann mit unseren Film- und Serienangeboten einmal die Chance hatten, den Kontakt zur Jugend zu halten. In diesem Bereich haben wir eine riesige Lücke hinterlassen, obwohl wir mit Serien wie Berlin, Berlin oder Türkisch für Anfänger mal ganz vorne lagen. Die Einbindung der Jugend ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich die Sender und die Politik gemeinsam hätten stellen müssen.

ZEIT: Warum ist das nicht geschehen?

Reitz: Man sollte die Kleinteiligkeit der Entscheidungen in einem Hörfunk- und TV-System wie der ARD nicht unterschätzen. Jeder agiert nach seinen Interessen, es gibt keine Gesamtstrategie. So haben wir auch zugelassen, dass die von uns gekauften Filme und Serien nicht in die Mediathek eingestellt werden dürfen. Es hieß, das verzerre den Wettbewerb mit den Privaten. Ich kann aber meinem achtzehnjährigen Sohn oder den HFF-Studierenden nicht erklären, dass wir coole Filme im Programm haben, die sie nicht mehr sehen können, weil sie den Sendetermin verpasst haben. Die wollen das, was sie interessiert, was im Netz diskutiert wird, nachholen können. Die Sender haben diese Möglichkeit des Diskurses mit den Jungen aktuell verloren.

ZEIT: Auch durch den starren Blick auf die Quote?

Reitz: Wir brauchen einen Rückhalt in der Bevölkerung, und den gibt es nun mal auch durch erfolgreiche Programme. Die Frage ist aber, wie viele solcher Erfolge wir brauchen und wie viel Spielerisches, Originäres, Überraschendes wir uns darüber hinaus leisten können.