Hans-Werner Sinn hat in der ZEIT Nr. 41 argumentiert, dass der Flüchtlingsstrom begrenzt werden muss, weil er das Land sonst überfordert. Diese Woche entgegnet David Folkerts-Landau, dass die Flüchtlinge Deutschlands Zukunft sichern.

Deutschland dürfte in diesem Jahr die USA als Einwanderungsland Nummer eins ablösen. Damit befindet sich das Land inmitten einer historischen Weichenstellung, deren Tragweite wohl mit der Wiedervereinigung verglichen werden muss. Es wäre falsch, nicht besorgt zu sein. Jede Gesellschaft tut sich mit einer großen Einwanderungswelle zunächst schwer – insbesondere Länder, die wie Deutschland ein stabiles sozioökonomisches Gefüge und eine starke Ordnungsliebe haben. Zuwanderung untergräbt die alte Ordnung und verändert unser Leben nachhaltig. Wir werden aus der Komfortzone gedrängt.

Zuwanderung schafft, wie Freihandel, Gewinner und Verlierer. In beiden Fällen fließt der Nutzen zunächst eher dem Faktor Kapital als der Arbeit zu, da zusätzliche Hände den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt verschärfen. Gesellschaftliche Errungenschaften wie soziale Sicherung und Bildungssystem geraten zunächst unter Druck, da Zuwanderer Leistungen benötigen, ohne gleich entsprechende Steuern und Versicherungsbeiträge zu erbringen. Daher müssen wohl einige der Regeln am Arbeitsmarkt und der sozialen Sicherung überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Zuwanderung in Wellen hereinbricht und nicht in einem geordneten Strom verläuft. Auf Deutschland werden daher gewaltige Integrationsanstrengungen zukommen.

Lesen Sie dazu weitere Artikel zum Thema Flüchtlinge in der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Weit stärker ins Gewicht fallen allerdings die enormen politischen und ökonomischen Vorteile der Zuwanderung. Diese hat das Potenzial, unsere Wirtschaft nicht nur zu erneuern, sondern über Generationen hinweg Wohlstand zu sichern. Nur durch massive Zuwanderung wird es Deutschland gelingen, langfristig seinen Lebensstandard und einen Platz unter den drei bis vier wichtigsten Ländern in der Welt zu sichern. Die Kosten der Integration sind also eine kluge Investition in die Zukunft.

So stehen Länder mit hohen Immigrationsanteilen besser da als Staaten mit weniger Zuwanderern. Kulturell diversifizierte Gesellschaften sind lebendiger, sozial flexibler, innovativer, anpassungsfähiger und wandlungsbereiter. Solche Volkswirtschaften weisen dadurch eine größere soziale und wirtschaftliche Mobilität auf, was Produktivität und Produktionswachstum fördert. Immigranten stellen eine Bereicherung dar: Sie suchen etwas Besseres, sehnen sich nach Freiheit und wissen, dass sie sich all das erst erarbeiten müssen.