Natürlich kann man 150.000 Demonstrierende pauschal diffamieren. Es ist ganz einfach: Man kann sie als dumpf bezeichnen und ihnen eine nationalistische Geisteshaltung unterstellen. Man kann auch behaupten, dass ihre Kampagne "wie auf dem braunen Mist gewachsen" sei, wie Spiegel Online es tat. Bloß: Wenn diese Bürger gar nicht gegen Flüchtlinge oder Zuwanderung auf die Straße gehen, sondern gegen ein Handelsabkommen, dann stimmt da was nicht.

Die Demonstration gegen das geplante europäisch-amerikanische Handelsabkommen TTIP am Samstag in Berlin war die bisher größte deutsche Protestveranstaltung der vergangenen 20 Jahre. Und ja, es gab dort tatsächlich eine böse Entgleisung, ein Demonstrant trug eine Guillotine aus Pappe und hatte darunter die Warnung geschrieben: "Gabriel pass auf!" Das ist menschenverachtend. Doch wenn unter den Demonstranten jeden Alters irgendwer in der absoluten Mehrzahl war und Plakate hochhielt, dann ganz sicher nicht Nazis, sondern Gewerkschafter, Grüne und Umweltaktivisten aller Art. Die Redner auf der Bühne distanzierten sich demonstrativ von allem Rechten, beschworen Solidarität mit Flüchtlingen und Armen. Und bekamen dafür viel Applaus.

Bei Protesten früherer Jahrzehnte, bei den Friedensdemos oder denen gegen Atomkraft hieß es: Geht doch nach drüben! Heute wird das ersetzt durch: Ihr seid alles Rechte! Auch das ist überzogen, und genau deswegen sollten beim Umgang mit TTIP und dem Protest jetzt alle einmal kurz innehalten: Ja, das Thema ist komplex, und genau deswegen ist die Verführung so groß, beim Gegner erst einmal nach falscher Gesinnung zu forschen.

Man kann für das Handelsabkommen sein oder dagegen. Aber Gegner und Befürworter sollten mit Fakten argumentieren, so langweilig die auch klingen mögen. Und nicht mit dem vermeintlich schlechten Geruch der anderen Seite. Denn bei TTIP, und das ist das Schöne an dem Projekt, geht es zwar um Wichtiges, um Handel, um Umwelt und unsere Demokratie. Aber es geht nicht um Krieg und Frieden. Oder anders gesagt: Bitte einen Gang zurückschalten.

Wenn man das tut und einmal genau hinschaut, dann sieht man, dass viele Argumente der Kritiker schon wirken: Lange klagten sie, dass die EU-Kommission im 21. Jahrhundert Verträge mit den Mitteln der Geheimdiplomatie des 19. Jahrhunderts verhandele. Heute ist Brüssel offener. Nicht offen genug, aber immerhin.

Auch bei der Frage der umstrittenen Schiedsgerichte gibt es erstaunliche Bewegung. Investoren sollten durch TTIP ursprünglich den jeweils anderen Staat vor privaten Schiedsgerichten verklagen können. Das ist zwischen Rechtsstaaten nicht nur unnötig, sondern auch demokratisch zweifelhaft. Noch will die Kommission die Idee nicht fallen lassen, doch immerhin plant sie kleine Verbesserungen, will beispielsweise ein öffentliches Gericht installieren.

Die Proteste wirken

Am Montag, direkt nach der Demo, verkündete die Behörde auch, dass sie in der kommenden TTIP-Verhandlungsrunde strenge Schutzregeln für Umwelt und Soziales fordern wolle. Auch damit gestand sie zwar indirekt ein, dass das offensichtlich in den elf vorherigen Treffen versäumt worden war, ihre Kritiker also richtig lagen. Aber man könnte die Sache auch positiv interpretieren: Brüssel beginnt zu verstehen, dass die Proteste helfen könnten, TTIP zu einem guten Projekt werden zu lassen.

In diesem Land interessieren sich viele Menschen für Politik, sogar für extrem komplizierte Projekte. Das ist die eigentliche Botschaft der Anti-TTIP-Bewegung. Die Bürger passen auf, lesen sich ein, und sie meinen, dass Fehler nicht automatisch durch Parteien und Regierungen korrigiert werden. Sondern dass sie sich einmischen müssen.

Schlampige Entwürfe

Niemand erwartet, dass Politiker alles richtig machen, sie sind schließlich Menschen. Aber die Erwartung ist schon, dass sie in der Lage sind, ihre Politik zu verändern, etwa wenn sie schlampig entworfen wurde. Genau deswegen war die Demonstration am vergangenen Wochenende so wichtig.