DIE ZEIT: Herr Knaus, in einer Situation, in der Deutschland mit einer Million Flüchtlingen konfrontiert ist, fordern Sie die Aufnahme von weiteren 500.000.

Gerald Knaus: Das ist nicht so absurd, wie es auf den ersten Blick scheint. Nachdem in den letzten Wochen viele Scheinlösungen von ratlosen Politikern präsentiert wurden, muss die Bundeskanzlerin jetzt am Sonntag in Ankara mit etwas Glaubwürdigem, Praktikablem aufwarten.

ZEIT: Der Plan, mit dem Angela Merkel nach Ankara reist, kommt einem Vorschlag von Ihnen sehr nahe. Den hatten sie bereits vor Wochen gemacht – und nun ist er EU-Außenpolitik geworden. Was genau haben Sie vorgeschlagen?

Knaus: Griechenland erklärt die Türkei zum sicheren Drittstaat. Die Türkei verpflichtet sich, alle Flüchtlinge, die ab einem bestimmten Zeitpunkt über die Ägäis die griechischen Inseln erreichen, wieder zurückzunehmen. Deutschland erklärt sich im Gegenzug bereit, in den nächsten zwölf Monaten 500.000 syrischen Flüchtlingen aus der Türkei Asyl zu gewähren. Außerdem wird die Visumspflicht für Türken in der EU im nächsten Jahr aufgehoben.

ZEIT: Warum soll das die Zahl der Flüchtlinge reduzieren, die nach Europa kommen wollen?

Knaus: Das Angebot gilt nur für Flüchtlinge, die schon in der Türkei registriert sind. Man schafft also nicht neue Anreize, sich jetzt in die Türkei aufzumachen. Dann müssten Flüchtlingsfamilien – die Hälfte der Syrer in der Türkei sind Kinder – nicht länger die gefährliche Reise über das Meer und den Balkan machen. Das würde sehr schnell die Zahl der Boote reduzieren, die auf die griechische Küste zusteuern. Am Ende steht, was sowohl Angela Merkel als auch Horst Seehofer fordern: die Kontrolle der Außengrenzen und ein geordneter Prozess – und eben deutsche Hilfe für Flüchtlinge in einer echten Notsituation.

ZEIT: Aber die Türkei ist derzeit von einem Attentat erschüttert, bei dem man nicht weiß, wer da alles seine Finger im Spiel hatte. Kurden und Oppositionelle werden brutal verfolgt. Wie soll man so ein Land zum sicheren Drittstaat erklären?

Knaus: Man muss eben unterscheiden zwischen einem sicheren Drittstaat und einem sicheren Herkunftsland. Die Türkei ist für Flüchtlinge ein sicherer Drittstaat – auch wenn sie für ihre eigenen Bürger oft kein sicheres Herkunftsland ist. Das sind zwei Dinge, die derzeit oft verwechselt werden. Flüchtlinge können sich nach dem neuen türkischen Asylrecht um Schutz bewerben, werden in der Türkei nicht verfolgt und werden auch nicht nach Syrien ausgeliefert. Das ist für diesen Vorschlag das Entscheidende. Ob die EU die Türkei als sicheres Herkunftsland bezeichnen sollte, wie die Kommission vorgeschlagen hat, kann man wirklich bezweifeln.

ZEIT: Aber ist es klug, einem Autokraten wie Erdoğan jetzt vor der Wahl zu demonstrieren, wie sehr man auf ihn angewiesen ist?

Knaus: Auch Erdoğan braucht Deutschland. Die Türkei befindet sich in der größten sicherheitspolitischen Krise seit dem Ende des Kalten Krieges. Russland führt Krieg nördlich der Türkei, in der Ukraine. Russische Kampfflugzeuge bombardieren türkische Verbündete in Syrien in einer Allianz mit Assad und dem Iran, beides Gegner der Türkei. Und die Türkei selbst ist im Krieg sowohl mit dem "Islamischen Staat" als auch der PKK. Die Wirtschaft wächst nicht mehr so wie im letzten Jahrzehnt, und zwei Millionen syrische Flüchtlinge wollen auch erst mal versorgt sein. Was den Wahlkampf betrifft, spielt das Thema Flüchtlinge derzeit in der Türkei kaum eine Rolle.

ZEIT: Teil Ihres Vorschlags ist die Visafreiheit für Türken in der EU – welche Auswirkungen wird das in der Praxis haben?

Knaus: Ich glaube nicht an eine Massenauswanderung der Türken. In den letzten Jahren ging die Bewegung doch eher in die andere Richtung; gerade aus Deutschland sind mehr Türken zurückgegangen als eingewandert. Für die junge Generation in der Türkei bedeutet Europa nur dann etwas, wenn sie es auch bereisen können. Die einzige Gefahr, die ich sehe, wäre, wenn die Situation im Südosten der Türkei tatsächlich wieder in einen Krieg mündet wie in den neunziger Jahren.