Da ist zunächst Javi. Er ist jung und sehr reif für sein Alter. Und dann ist da Jorge. Er ist um einiges älter, hat aber etwas Unfertiges an sich. Der Jüngere bricht Nasen auf dem Schulhof, für Geld und für einen guten Zweck. Der Ältere fängt gerade in einer Schreinerei an zu arbeiten, für die Miete erst, später aus besseren Gründen. Die beiden leben in der Graphic Novel Wie zerknülltes Papier getrennte Leben – gemeinsam haben sie nur die Frage, wie es denn weitergehen soll mit ihrem Leben. Ob ein anderes Leben nicht vielleicht besser wäre. Eines, in dem die Mutter nicht schwer krank wäre und nicht mehr in dem Haus leben würde, das abgerissen werden soll. Das wäre was für Javi. Und Jorge, der so gern Holzpferde schnitzt? Der wünscht sich, dass seine Tage nicht mehr so sehr geprägt würden von einer Schuld in der fernen Vergangenheit. Dass seine Mauern nicht mehr so hoch sein müssten – dass vielleicht sogar Liebe möglich wäre.

Für sein Debüt bekam Nadar, der eigentlich Pep Domingo heißt, 2014 den Publikumspreis beim Comicsalon in Barcelona. Und man kann ihn gar nicht genug preisen für die Form, die er gefunden hat: Nadar verknüpft seine Geschichten nämlich meisterhaft, indem er sich Übergänge verbietet. Das nächste Bild kann immer schon zum anderen Erzählstrang gehören, manchmal springt er sogar während eines Dialogs zur anderen Geschichte. Auch beherrscht Nadar sein zeichnerisches Handwerk: Schatten drücken sich bei ihm immer wieder hart auf Menschen ab, die fetten Bässe lauter Tanzmusik druckt er – TUM PATUMPA TUM – über unleserliche Gespräche. Wenn ein einzelnes Bild ein besonderes ist für Javi oder Jorge, verstummen oft sogar seine Figuren vor der Größe des Moments, und Nadar rückt ganz nah an sie heran. Die großen Augen von Jorge. Javis Mutter, allein auf seinem Bett. In solchen Momenten bleibt die Zeit stehen, als stünde sie vor einer roten Ampel.

Nadar hat einen eigenen grafischen Sound gefunden, und der passt gut zu seinen beiden Hauptfiguren, die er zwischen gut und böse aufgespannt hat, zwischen gestern nicht mehr und morgen noch nicht. "Manchmal fühlt es sich so an, als ob jeder mit mir macht, was er will", sagt Javi einmal, "als wäre ich wie zerknülltes Papier." Dann ändert er sein junges Leben. Als aus Jorge endlich ein "Ich liebe dich" drängt, ist eins seiner Leben vorbei, ein anderes beginnt, und Jorge ist wieder allein. Nadar erzählt eine Geschichte über die Einsamkeit, und er prägt seine Figuren tief in den Leser ein.

Dabei ist Wie zerknülltes Papier keine Story wie viele, die auf den letzten Seiten Mut machen, sodass es den Lesern leichtfällt, das Buch zuzuschlagen. Es gibt kein Comicrelief, kein Alles-wird-gut, auch nachdem sich beide Leben überschnitten haben für ein paar Bilder. Warum auch? Nur weil das Buch zu Ende ist, ist das Leben von Javi und Jorge nicht vorbei. Wie zerknülltes Papier ist nur ein Ausschnitt aus einer Handvoll Leben, eine Geschichte im Interim.

"Die wichtigsten Fragen beantwortet man letztlich immer mit seinem ganzen Leben", hat der Lyriker Sándor Márai gesagt. Nadar hat das Zitat seinem beeindruckenden Erstling vorangestellt. Derzeit arbeitet der Künstler an einer Graphic Novel über die Wirtschaftskrise in Spanien.