Der Bürgermeister von Gailingen, einer 3.000-Seelen-Gemeinde unweit der Schweizer Grenze, hat sich auf der Rathaustreppe aufgebaut. Ein khakifarbener Umhang, den er an diesem kühlen Oktobermorgen über seiner braunen Parteiuniform trägt, unterstreicht den martialischen Auftritt. Im selben Moment werden die 300 Juden des Ortes von SS-Männern und Polizisten zusammengetrieben. Als Moses Friesländer, ein angesehener Kaufmann des Ortes, an der Rathaustreppe vorbeikommt, ruft Bürgermeister Willy Becher: "So, Friesländer, jetzt geht’s ins Gelobte Land!"

Wie in Gailingen werden an diesem frühen Morgen des 22. Oktober 1940 auch in anderen Städten und Dörfern Badens, der Pfalz und des Saarlands Tausende Juden von Gestapoleuten und Schutzpolizisten aus dem Schlaf gerissen und aufgefordert, sich innerhalb kurzer Zeit reisefertig zu machen. Die völlig überraschten Menschen dürfen maximal 50 Kilo Gepäck, 100 Reichsmark pro Person und etwas Proviant mitnehmen. Der damals 19-jährige Hans Bernd Oppenheimer aus Heidelberg notiert in seinem Tagebuch das Unfassbare, das da mit seiner Familie geschieht: "Morgens 7.00 Uhr Gestapo bei uns mit Ausweisung aus Deutschland. ½ 11 Uhr Abholung durch Polizei-Lastwagen zum Bahnhof zu bereitgestelltem Sonderzug. Abends 6.15 Uhr Abfahrt aus Heidelberg." Der junge Konstanzer Hugo Schriesheimer – er sollte den Holocaust überleben – hatte auf dem Güterbahnhof seiner Heimatstadt schon Tage zuvor einen langen, aus heruntergekommenen Waggons der vierten Klasse zusammengestellten Zug gesehen: "Ein paar Tage später wusste ich Bescheid: Es war der Deportationszug für die Juden, in dem ich dann selbst saß."

Spätestens seit Erlass der Nürnberger "Rassengesetze" im September 1935 und der Pogromnacht vom 9. November 1938 schränkten immer mehr Verordnungen das Leben der Juden im Deutschen Reich ein. Durch den Verlust nahezu jeder Einkommensmöglichkeit waren sie auf ihre Ersparnisse angewiesen, die zugleich dazu dienen sollten, die Auswanderung zu finanzieren. Fast ein Viertel der rund 300.000 damals noch in Deutschland lebenden Juden war nach 1938 auf Fürsorgeleistungen angewiesen. Zu diesem Zeitpunkt wollte das NS-Regime noch möglichst viele Juden durch Emigration loswerden, zumal die Auswanderung dank der Sondersteuern für das Reich ein glänzendes Geschäft war.

Von Kriegsbeginn im September 1939 an wurden Juden endgültig als "innere Feinde" behandelt: Die Behörden erlegten ihnen nächtliche Ausgangsverbote auf, sie erhielten geringere Lebensmittelzuteilungen, durften nur noch zu bestimmten Zeiten und in bestimmten "Judenläden" einkaufen, und sie mussten ihre Rundfunkgeräte abgeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Diese fast vollkommene Absonderung der in späteren Gedenkreden bundesrepublikanischer Politiker so heuchlerisch "jüdische Mitbürger" genannten jüdischen Deutschen erleichterte dem Regime den nächsten Schritt auf dem Weg, jüdisches Leben in Deutschland auszulöschen: Ein knappes Jahr nach der Zerstörung der Synagogen wurden die in Baden, in der Pfalz und im Saarland lebenden Juden deportiert. Die systematisch vorbereitete Aktion war eine Art Generalprobe: Im Herbst des Folgejahres begannen im Zuge der "Endlösung der Judenfrage" die großen Deportationen in die neu errichteten Vernichtungslager im Osten.

Bereits seit Spätherbst 1939 war es immer wieder zu unkoordinierten Abschiebungen von überwiegend polnischen und staatenlosen Juden aus dem "Protektorat Böhmen und Mähren", aus Schlesien, Westpreußen und Pommern in das "Generalgouvernement" gekommen, wie das deutsch besetzte Polen genannt wurde. Von den Deportationen in Süddeutschland am 22. Oktober 1940, dem Tag des jüdischen Laubhüttenfests, waren jedoch erstmals fast ausnahmslos deutsche Staatsangehörige betroffen: In Freiburg, Konstanz, Karlsruhe, Offenburg, Pforzheim, Mannheim, Bruchsal, Baden-Baden, Heidelberg, Kaiserslautern, Saarbrücken und zahlreichen kleineren Städten und Dörfern wurden insgesamt 6.504 Juden festgenommen und aus ihrer Heimat "abgeschoben", wie es in den amtlichen Verlautbarungen der Behörden hieß.

Doch wohin mit so vielen Menschen? Das besiegte Frankreich hatte im Frühsommer 1940 der Auflage Hitlers zustimmen müssen, dass alle Juden französischer Staatsangehörigkeit aus Elsass und Lothringen in den unbesetzten Teil Frankreichs deportiert würden. Die beiden ehrgeizigen Gauleiter Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarland und Pfalz), eben als "Chefs der Zivilverwaltung" in Elsass und Lothringen eingesetzt, begannen umgehend damit, die ihnen unterstellten besetzten Gebiete zu "entjuden" und Tausende Juden über die Demarkationslinie zu schaffen. Robert Wagner erklärte im Juli 1940: "Das Elsass muss von allen Elementen, die der deutschen Rasse fremd sind, gereinigt werden."