Im Konferenzraum B13 auf der Immobilienmesse Expo Real Anfang Oktober sieht es aus wie in einem überfüllten Uni-Hörsaal. Es sind aber keine Studenten, sondern Banker, Vermögensverwalter, Makler und Bauunternehmer, die in dunklen Anzügen auf dem Boden hocken und vor der Tür ihre Hälse aus den weißen Hemden recken, um noch einen Blick auf das Podium zu ergattern. Das Thema, das für so viel Andrang sorgt, lautet: "Flüchtlingsunterkünfte – neue Assetklasse im Spannungsbogen zwischen Rendite und gesellschaftlicher Verantwortung?"

Die Unterbringung der vielen Flüchtlinge ist nicht nur eine große Herausforderung. Sie ist auch ein Riesengeschäft, an dem viele mitverdienen wollen. "Derzeit sprießen die unterschiedlichsten Geschäftsmodelle", sagt Jürgen Erbach, Immobilienprofessor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden.

Wer also profitiert? Zum einen sind es die etablierten Betreuer von Flüchtlingsheimen. Dazu gehören die großen Wohlfahrtsverbände, aber auch private Unternehmen wie European Homecare aus Essen. Zuletzt sorgte das Unternehmen im vergangenen Jahr für Schlagzeilen, weil Sicherheitskräfte in einem von ihm betriebenen Heim in nordrhein-westfälischen Burbach Flüchtlinge brutal misshandelten. Der Fall sorgte bundesweit für großes Aufsehen. Seitdem redet die Firma mit den Medien über den PR-Profi Klaus Kocks.

Ende des vergangenen Jahres, so Kocks, habe das Unternehmen 8.000 Flüchtlinge betreut. Mittlerweile seien es 15.000. Die Kommunen zahlen pro Flüchtling eine Kopfpauschale, in der Regel zwischen 11 und 30 Euro am Tag – je nach Umfang der gewünschten Leistungen. Das bedeutet: Verdoppelt sich die Zahl der betreuten Flüchtlinge, verdoppelt sich auch der Umsatz von European Homecare. Das Unternehmen ist nach dem Skandal nicht in eine Krise gerutscht. Im Gegenteil, das Geschäft boomt. Die Kommunen haben keine Wahl. "Neun von zehn Anfragen", sagt Kocks, müsse man sogar ablehnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Auch Stefan Hasche, der mit seiner Firma ABUB seit 1995 im Flüchtlingsgeschäft ist, kann sich vor Anfragen kaum retten. Die Zahl der Flüchtlinge, die seine Mitarbeiter betreuen, ist in den vergangenen Monaten von 1.300 auf fast 3.000 gestiegen. Bis zum Ende des Jahres werden es wohl 4.500 sein. Man merkt Hasche an, wie erschöpft er ist: "Meine Arbeitstage dauern derzeit 18 Stunden." Zum eigentlichen Kerngeschäft, der Betreuung der Flüchtlinge, komme nun auch noch die ständige Suche nach neuen Immobilien hinzu. Notfalls übernehme seine Firma auch die notwendigen Umbauten. Gerade hat Hasche zum Beispiel ein Hotel im sächsischen Bucha angemietet. Von Mitte November an sollen hier Flüchtlingsfamilien einziehen.

Der Markt für Wohncontainer ist wie leer gefegt, die Preise haben sich vervierfacht

Man hat das Gefühl, dass Hasche sich bemüht, die Not und das Chaos in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. Es drängen aber auch neue Akteure auf den Markt. "Manche wollen über Wuchermieten schnelles Geld verdienen", sagt Hasche. Er berichtet außerdem von einem Fall, bei dem ein Immobilienunternehmer die Betreuung der Flüchtlinge gleich mit übernommen habe – obwohl er auf diesem Feld keinerlei Erfahrung vorweisen konnte.