PRO Den eigenen Stil finden

Träumen, der fünfte Band des autobiografischen Romanzyklus Min Kamp von Karl Ove Knausgård, erzählt von der Zeit, die der junge Karl Ove in den neunziger Jahren in Bergen verbringt. Schon immer wollte er Schriftsteller werden, nun hat die berühmte Schreibakademie von Bergen, an der unter anderem der Schriftsteller Jon Fosse lehrt, den Zwanzigjährigen angenommen. Träumen ist das Porträt des Schriftstellers als junger Mann, voller Ehrgeiz und voller Selbstzweifel. Es ist der poetologischste Teil des Romanzyklus, denn es geht die ganze Zeit um die Frage, wie man richtig schreibt. Und weil es für Knausgård kein richtiges Leben ohne richtiges Schreiben gibt, ist der "Kampf", den er führt, ein Ringen mit der literarischen Form. Das Existenzielle und das Poetologische durchdringen einander – und auch bei diesem Band fühlt man sich der Leidensfigur Karl Ove wieder so nahe, dass man sich nicht wundern würde, wenn man die Wunden des Protagonisten plötzlich wie Stigmata an den eigenen Händen entdeckte.

Manche Leser werfen Knausgård vor, seinen Lebensstoff ungefiltert aufs Papier gebracht zu haben, ohne Bemühen um Form, ohne Verdichtung. Nichts verfehlt dieses Werk dramatischer. Der Sog von Knausgårds Realismus hat zwar damit zu tun, dass er die dramaturgische Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem, zwischen heroischen Momenten und grauer, monochromer Alltäglichkeit kassiert, aber auch das erfolgt nach kompositorischen Prinzipien. Gegen Ende von Träumen reist Karl Ove mit seiner Freundin Tonje zu deren Eltern nach Südafrika. Dort will er ihr einen Heiratsantrag machen. Danach heißt es: "In Afrika fragte ich sie, ob sie mich heiraten wolle. Sie sagte, ja, das will ich." Enorm! Da nimmt sich jemand allen Platz der Welt, um seine Geschichte zu erzählen – und dann handelt er seine erste Eheschließung in zwei Sätzen ab.

Das ist eine wichtige Lektion der Knausgård-Lektüre: Selbst ein Umfang von sechs Bänden, auf die Min Kamp angelegt ist, verlangt, gemessen an der unendlichen Fülle des Lebens, immer noch nach Auswahl, Hervorhebung und damit: nach Interpretation. Das Buch könnte auch ganz anders aussehen, es könnten ganz andere Seiten dieses Lebens beleuchtet werden.

Was folgt daraus? Die Kategorie der Authentizität hilft nicht wirklich weiter, das Leben des Autors Knausgård ist ein anderes (größeres, reicheres) als das seines Protagonisten Karl Ove. Min Kamp ist kein Tagebuch, ist nicht der Abdruck der Seele des gerade durchlebten Augenblicks, sondern symphonische Darstellung eines Lebens, die sehr bewusst mit Leitmotiven und deren Durchführung arbeitet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Das ist kein Zufall, denn die Herzkammer dieses Lebens ist die Schreibstube. Knausgård will Schriftsteller werden. Solange ihm das nicht gelingt, packt ihn die Verzweiflung. Dann wird er zum Komasäufer. Betrunken ist er ein anderer Mensch. Er kennt sich dann kaum selbst. Er begeht Taten, die ihn über sich selbst erschrecken lassen. Dann schleudert er seinem Bruder ein Glas an den Kopf oder zerschneidet sich sein Gesicht mit einer Glasscherbe. Rettung kann nur das Schreiben bringen. Aber das will ihm nicht gelingen – jedenfalls nicht unter den strengen Maßstäben, die er selber anlegt. Seine Vorbilder sind die Heroen der Moderne, von Knut Hamsun über Beckett bis zu Paul Celan. Knausgård bewundert Thomas Bernhard und verehrt Peter Handke. So zu schreiben wie diese – das wäre Kunst! Aber wenn er, Karl Ove, versucht zu schreiben wie Peter Handke, dann ist es natürlich nicht Kunst, sondern Nachahmung. Er ist dann ein Epigone, er hat keinen Individualstil.

Knausgårds Verzweiflung in Träumen gründet in seinem Unvermögen, seine Individualität künstlerisch originär zum Ausdruck zu bringen. Seine Verzweiflung ist ein Stilproblem. Erst wenn er seinen eigenen Stil findet, wird er schreiben können, und erst wenn er kein Epigone mehr ist, hat sein Leben einen Sinn (und er muss nicht mehr trinken).

Immer lebt er in der Angst, als Hochstapler durchschaut zu werden, der den Schriftsteller nur spielt. Früher oder später würden seine Freunde erkennen, "wie die Dinge wirklich lagen, dass ich ein Wannabe war, der in Wahrheit überhaupt nicht schreiben konnte, dass ich nichts zu sagen hatte, mir selbst gegenüber aber nicht ehrlich genug war, um daraus die Konsequenzen zu ziehen, weshalb ich versuchte, um jeden Preis in der literarischen Welt Fuß zu fassen. Allerdings nicht als jemand, der selbst etwas erschuf, als jemand, der schrieb und veröffentlicht wurde, sondern als ein Schmarotzer, als jemand, der schrieb, wie die anderen schrieben, ein Sekundärmensch."

Damit ist das Wort gefallen, das die ganze Existenzangst des jungen Karl Ove umfasst – die Furcht, nur ein Sekundärmensch zu sein, einer, der sich künstlerisch nicht genuin selbst zum Ausdruck bringt, sondern nur die Pose eines anderen Schriftstellers nachahmt. Einmal liest er Naipauls Das Rätsel der Ankunft. Er ist fasziniert, wie Naipaul einen Baum auf einer Wiese in der englischen Provinz beschreibt. Das ist für ihn Kunst, das ist sein Ideal: keine konstruierte Handlung, sondern die poetische Erfassung eines Eindrucks. Das würde er nie können: "Naipaul zu lesen war deshalb genau wie die Lektüre der meisten anderen Schriftsteller ebenso sehr ein Genuss wie ein Grund zur Eifersucht, zu gleichen Teilen Freude und Verzweiflung."

Mit Min Kamp hat Knausgård seinen eigenen Stil gefunden. Wenn er den Regen und Nebel von Bergen beschreibt, sind das Epiphanien des Seins, beschworen mit anderen literarischen Mitteln als denen Naipauls, aber mit vergleichbarer Wirkung. Nicht bigger than life, stattdessen Verlangsamung, Entschleunigung. Jetzt muss Knausgård nicht mehr in den Alkohol flüchten, denn er hat eine literarische Form für seine Existenz gefunden. Min Kamp ist so etwas wie die Entdeckung eines neuen Kontinents, eine Seelenwüste: die innere Mongolei. Für dieses Werk gilt, was Knausgård über ein spätes Selbstporträt Rembrandts schreibt: "Näher an eine andere menschliche Seele heranzukommen dürfte schwerlich möglich sein."

IJOMA MANGOLD