DIE ZEIT: Frau Linke, Sie betreiben den Gasthof Wehlitz bei Leipzig. Was erwarten Kneipengäste heute?

Evelyn Linke: Sie wollen unterhalten werden, und zwar den ganzen Abend lang, bis sie sich verabschieden. Früher ging man ins Wirtshaus, weil man etwas Schönes essen und sich unterhalten wollte. Aber gutes Essen reicht nicht mehr aus. Am liebsten hätten die Kunden außerdem eine Krabbelstube und eine Betreuerin für die Kinder. Das hat sich so krass verändert, damit hat ja kein Mensch gerechnet. Heute wird alles zum Event gemacht. Gerade erleben Sie es: In jeder Stadt wird Oktoberfest gefeiert. Alles muss High End sein. Übertrieben gesagt: Wir müssten nackt tanzen, und zwar auf den Tischen, dann wären die Läden voll. Das ist nicht mehr die traditionelle Gastronomie, wie ich sie kennengelernt habe. Und weil viele Gastronomen das Extratheater nicht anbieten wollen oder können – das kostet ja alles Geld –, geben sie auf.

ZEIT: Und Sie?

Linke: Es hat keinen Sinn, alle Vierteljahre dem nächsten Trend hinterherzulaufen, wenn man nicht daran glaubt. Ich denke, dass sich viele Leute nach der alten Gemütlichkeit zurücksehnen. Deswegen kommen sie noch zu uns, deswegen gibt es unseren Gasthof noch.

ZEIT: Hat sich Ihnen schon einmal ein Berater angedient?

Linke: Ja, einer, der hätte mich für 8.000 Euro gern beraten, aber ich habe ihn hinauskomplimentiert.

ZEIT: Wie hat Ihr Lokal das Kneipensterben bislang überlebt?

Linke: Wir schaffen das mit Fleiß, guter Hoffnung und wenig Personal. Wir sind ja nur zu dritt: Mein Mann, mein Sohn und ich betreiben den Gasthof hier in Schkeuditz.

ZEIT: In Ostdeutschland schließt eine Dorfkneipe nach der anderen. In Thüringen hat in den vergangenen zehn Jahren jeder dritte, in Sachsen und Sachsen-Anhalt jeder vierte Gasthof zugemacht. Können Sie das erklären?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 42 vom 15.10.2015.

Linke: Früher gab es sehr, sehr viele Dorfkneipen, die Leute haben einen großen Teil ihres Alltags dort verbracht. Arbeiter kamen mittags zum Essen und abends zum Feierabendbier, die Kegelrunde traf sich montags, die Skatrunde sonntags, Geburtstage wurden grundsätzlich im Gasthof gefeiert, am Wochenende kamen junge Leute zum Tanz. Die Kneipe, das war so eine Art zweites Wohnzimmer.

ZEIT: Auch im Frühjahr 1990 noch, als Sie Ihren Gasthof übernahmen?

Linke: Ja. Der Gasthof war immer voll, auch damals. Gewundert habe ich mich, als ich 1990 mit meinem Mann das erste Mal in die alten Länder fuhr. Mittags gingen wir in eine Gaststätte, und ich dachte: Was ist denn hier los? Da saß kaum einer. Der Laden war leer. Für uns DDR-Bürger war das unvorstellbar, inzwischen ist es auch für uns Realität. Der Osten hat sich da dem Westen angeglichen.

ZEIT: Wenn es ums Essen geht – hat sich der Geschmack Ihrer Kunden eigentlich verändert?

Linke: Kaum. Neuerdings werden viele wieder ostalgisch. Sie bestellen Würzfleisch und Soljanka. Auch ein deftiger Braten wird gern gegessen, weil den viele nicht mehr selbst zubereiten können. Sie haben keine Geduld. Sie können nur Nudeln. Wir bieten normale Hausmannskost an. Aber nicht in den XXL-Formaten, wie sie modern geworden sind. Wenn man den Teller nicht mehr sieht, weil das Schnitzel darüber hinausragt, ist etwas falsch.

ZEIT: Auch Partykeller seien mitschuldig am Kneipensterben, sagen manche Ihrer Kollegen. Weil Geburtstagsfeiern häufiger dort statt im Gasthaus stattfänden.

Linke: Die Partykeller sind tatsächlich ein Problem für uns, genau wie die Veranstaltungsräume der Gemeinden und Vereine. Sie können so einen Raum für 50 Euro manchmal das ganze Wochenende über mieten. Das ist natürlich verlockend. Aber ich denke, die Leute machen sich unglücklich damit. Sie machen sich zum Sklaven ihrer selbst. Wenn sie eine Feier selbst ausrichten, haben sie drei Tage Arbeit. Freitags karren sie Getränke an – natürlich viel zu viele. Das steht später ewig zu Hause herum. Beim Eindecken der Tische kommt das böse Erwachen: Die Teller reichen nicht. In solchen Fällen kommen die Leute gern zu mir und fragen, ob ich Geschirr verleihe.