ZEIT: In Ihrem Buch Drei starke Frauen habe ich zum ersten Mal etwas über die Zäune erfahren, mit denen sich Europa gegen die Flüchtlinge schützt. Eine Ihrer Figuren wird beim Versuch, einen solchen Zaun zu überwinden, erschossen.

Marie NDiaye: Als ich das Buch vor acht Jahren schrieb, sprach noch niemand von den Flüchtlingen. Für mich waren sie Helden. Heute ist das eine banale, eine fast alltägliche Geschichte, von der alle sprechen. Ich würde diese Geschichten deswegen heute nicht noch einmal schreiben. Ich hätte Angst, etwas zu wiederholen, was schon zu oft geschrieben wurde. Besonders in den letzten Tagen und Wochen hat man zu viele Geschichten über die Flüchtlinge gelesen und zu viele Bilder gesehen. Ich bin froh, dass ich schon vor acht Jahren darüber geschrieben habe, denn ich würde es jetzt nie mehr tun. Es wäre falsch.

ZEIT: Ist das Buch deswegen heute weniger wahr?

NDiaye: Ich hoffe, dass seine Geschichten wahr bleiben. Allerdings habe ich das Buch seit Jahren nicht mehr gelesen. Ich bin sicher, wenn ich es heute schreiben würde, wäre es vollkommen anders. Damals gab es nur sehr wenige Informationen über die Flüchtlinge, die von Marokko aus versuchten, das Mittelmeer zu überqueren.

ZEIT: In den drei Geschichten des Buches geht es um die Spannung zwischen Schwarzen und Weißen, um das Aufeinanderprallen der europäischen und der afrikanischen Seele. Dieses Thema beschäftigt Sie bisher in all Ihren Büchern.

NDiaye: In meinen ersten fünf oder sechs Büchern kam Afrika nicht konkret in den Blick, es war nie eindeutig, ob die Figuren schwarz oder weiß sind. Aber es gab immer diese Fremdheit, für die es keinen richtigen Grund gab. Erst, als mein Schreiben reifer wurde, habe ich gewagt, Afrika ins Spiel zu bringen, ein imaginäres Afrika wohlgemerkt, denn im realen Afrika bin ich erst zweimal im Leben gewesen. Das afrikanische Lebensgefühl kenne ich nur durch Bücher und Filme. Ich habe keinen Kontakt zur Familie meines Vaters, der im Senegal lebt.

ZEIT: Ihr Vater lebt noch?

NDiaye: Ich glaube. Aber wenn es nicht so wäre, würde ich es auch nicht erfahren, wir haben überhaupt keinen Kontakt zueinander. Ich weiß noch nicht einmal, wie alt er jetzt ist.

ZEIT: Afrika ist in Ihren Romanen eher eine Chiffre für die Weltfremdheit schlechthin?

NDiaye: Eine Chiffre für das Fremdsein ja, als Künstler, als Schriftstellerin fühlt man sich auch fremd in unseren Gesellschaften, man ist kein normaler Mensch. Selbst wenn diese Fremdheit des Künstlers anerkannt ist, wenn man Erfolg hat, geht sie nicht weg.

ZEIT: Und der erfolglose Schriftsteller ist ein völliger Niemand?

NDiaye: Man unterstellt ihm, dass es sein persönliches Versagen ist, erfolglos zu sein. Man fühlt sich schuldig als erfolgloser Schriftsteller.

ZEIT: Zwei der drei Geschichten in Drei starke Frauen spielen in Afrika, und Afrika ist darin unglaublich schön, ein magisches Land.

NDiaye: In der dritten Geschichte lebt die Frau in extremer sozialer Armut. Weil sie allein ist und keine Kinder hat, behandelt man sie wie eine Aussätzige, sie ist ein Nichts.

ZEIT: Das stimmt, aber sogar dort gibt es diese starke magische Atmosphäre. Afrika hat etwas grausam Romantisches in diesen Erzählungen.

NDiaye: Das ist vollkommen imaginär, ein Afrikaner würde das niemals so sehen. Ich glaube, die Magie geht darauf zurück, dass meine einzige Verbindung zu Afrika in meiner Kindheit die afrikanischen Märchen waren, die meine Mutter mir vorgelesen hat. Da gab es sprechende Bäume, Menschen, die sich in Tiere verwandelten, und solche Dinge. Ich hatte keine anderen Bilder von Afrika. In den Drei starken Frauen ist dieses romantische Afrika noch zu spüren. In meinem Roman Ladivine kommt Afrika näher in den Blick und ist viel klarer zu greifen.