DIE ZEIT: Herr Khorchide, hat der Islam die falschen Gläubigen?

Mouhanad Khorchide: Nein, aber der Islam hatte in seiner Geschichte immer wieder Gläubige, die ihn falsch interpretiert und verstanden haben. Er hat sie noch heute. Und was noch schlimmer ist: Sie haben ihr falsches Islamverständnis zum einzig wahren Islam erklärt. So verhindern sie eine zeitgemäße Auslegung.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch gehen Sie mit diesen Reformverweigerern hart ins Gericht...

Khorchide: Sie sagen, der Islam sei abgeschlossen, wir müssten nichts mehr neu denken. Sie geben auf Fragen des 21. Jahrhunderts Antworten aus dem 9. Jahrhundert – die sie eins zu eins übernehmen. Der Islam als Religion ist aber nicht vom Himmel gefallen. Der Koran ist das Wort Gottes, ja. Doch der Islam unterliegt einem Prozess der ständigen Auslegung. Will er eine universale Religion sein, für alle Zeiten, dann muss er entsprechend auf den Wandel der Gesellschaften reagieren, ohne dabei seine Prinzipien aufzugeben. Das eigentliche Problem des Islams sind nicht die Extremisten, die sind nur Symptome. Das Problem sind die Reformverweigerer.

ZEIT: Mit Ihrem Werben für eine zeitgemäße Lesart des Islams widersprechen Sie dem traditionellen Islamverständnis. Aber als Reformer wollen Sie sich nicht bezeichnen, warum?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Khorchide: Der Begriff hat etwas Elitäres: Da ist einer, der uns sagen will, was Sache ist. Reformen funktionieren aber nur, wenn sich jeder selbst reformiert, seine Haltung überdenkt. So wie es übrigens auch schon der Koran fordert. Ich rufe zu einer Reform auf, bin aber ganz sicher kein Reformator.

ZEIT: Trotzdem müssen Sie einiges einstecken. Wegen Morddrohungen von Salafisten leben Sie unter Polizeischutz; konservative Muslime bezeichnen Sie als Vorkämpfer eines Staatsislams, eines "Islam light", als einen Höfling des Westens ...

Khorchide: Was mir immer wieder vorgeworfen wird: "Was Du sagst, kommt gut an bei der Mehrheitsgesellschaft. Deshalb kann das nicht im Sinne des Islams sein." Abgesehen davon, dass ich als Wissenschaftler niemandem gefallen möchte und nur das schreibe, wovon ich überzeugt bin, sind das im Grunde Muslime, die ein Problem mit Europa, mit dem Westen haben. Sie sind einem Opferdiskurs verfallen – der Westen ist an allem schuld. Sie sind schlicht westophob. Alles, was nach Erneuerung klingt, sei vom Westen angeordnet, um den Islam zu bekämpfen. Allein der Vorwurf "Staatsislam" ist abstrus. In welchem islamischen Land sind die Imame nicht an staatliche Institutionen und Vorschriften gebunden?

ZEIT: Der Vorwurf gilt auch dem organisierten Islam in Deutschland?

Khorchide: Ich spreche in den Medien nicht mehr über die islamischen Verbände. Was ich aber sage ist: Jeder der behauptet, Khorchide schreibt das nur, um dem Westen zu gefallen, sitzt in diesem westophoben Boot. Stattdessen sollte er sich mit meinen Thesen sachlich auseinandersetzen.