Sarah Connor © Lars Kaletta/Getty Images

Wir sind aufgeregt. Wie sehen sie aus? Wie werden sie sein? Wie werden wir uns verständigen? Sie kommen direkt aus der Kriegszone Aleppo in Syrien. Hier sind sie fremd, sprechen unsere Sprache nicht. Ich spüre einen Anflug von Panik. Schließlich ist es meine Idee gewesen, eine Familie aus Syrien in unserem Haus aufzunehmen.

Ich hatte nicht vor, diese Geschichte öffentlich zu machen. Doch Boulevardmedien haben es nun getan. Sie haben vor unserem Haus heimlich Fotos gemacht und die Nachbarn befragt. Normalerweise ignoriere ich diese Medien, diesmal aber kann ich es nicht. Eine syrische Familie, die hier auf Sicherheit und Ruhe hofft, wird in die Öffentlichkeit gezerrt. Um sie und auch meine Familie vor Spekulationen, Gerüchten und womöglich auch Anfeindungen zu schützen, erzähle ich unsere Geschichte selbst, verbunden mit der Bitte, die Privatsphäre unserer Gastfamilie zu respektieren.

Angefangen hat alles, als ich vor drei Jahren bei einer Recherche für einen Song ein YouTube-Video angeklickt habe, das mich durch Handy-Livebilder direkt in die Kriegszone katapultierte. Ich sah grausame Bilder: eine Mutter, die ihr blutendes von einer Bombe zerfetztes Kind im Arm hielt und schrie. Kleine tote, verstümmelte Kinderkörper. Diese Bilder haben mich nicht mehr losgelassen. Seitdem engagiere ich mich für Flüchtlinge.

Ich habe keine Ahnung, wie und ob unser Land diese Herausforderung meistern wird. Ich habe keine politische Lösung, und auch ich bin besorgt. Aber ich kann nicht so tun, als wüsste ich nicht von dem Leid der Menschen, die hier Zuflucht suchen.

Ich habe es probiert. Wegzusehen. Den Fernseher auszuschalten. Aber es fühlte sich verlogen an.

Ja, ich befasse mich seit drei Jahren intensiv mit dem Syrien-Konflikt. Ja, ich habe darüber einen Song geschrieben, ich predige in meinen Konzerten Nächstenliebe und Toleranz. Aber: Was tue ich tatsächlich selbst, um den Menschen zu helfen, die so unvorstellbar Grausames in diesem Krieg erlebt haben, vor dem sie nun fliehen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Ich habe unter falschem Namen (eben um der Öffentlichkeit zu entgehen) das Jugendamt angeschrieben und angeboten, ein Kind oder auch eine Familie aufzunehmen, falls Bedarf besteht. Wie naiv von mir, angesichts der Massen, die zu uns strömen, zu denken, dass es wahrscheinlich ewig dauern würde, bis die ganzen behördlichen, bürokratischen Details geklärt sind und einem jemand zugewiesen würde.

Es dauerte keine halbe Stunde, da klingelte mein Telefon. Es gäbe einen akuten Notfall. Eine Frau aus Syrien mit ihren fünf Kindern. Sie könne nicht in der Notunterkunft bleiben, da sie zu viele seien und zu laut. Das kam mir irgendwie bekannt vor (zumindest zu viele und zu laut, ich bin die älteste von acht Kindern). Ich war voller Vorfreude, fast schon euphorisch, jetzt tatsächlich so schnell einer Familie konkret helfen zu können, dass ich mir über den Rest zunächst keine Gedanken machte.

Informationen hatte ich vorab nur wenige: eine 39-jährige Frau mit fünf Kindern, das jüngste ein Säugling von fünf Tagen, das älteste ein Mann von 20 Jahren. Sie würden Menschen mit Narben an Körper und Seele sein, die detonierende Bomben und Granatsplitter hautnah erlebt hatten, so viel wusste ich.

Ich hatte das große Bedürfnis mit jemandem zu reden, um die Nachricht zu teilen. Aber wen anrufen? Meinen Mann? Das musste ich geschickter vorbereiten ... Meine Freundinnen? Sie würden sofort ihre Bedenken äußern.

Also rief ich die Person an, die schon aus Prinzip immer gegen den Strom schwimmt. Meine Mutter. Als ich ihr erzählte, dass ich vorhabe, eine Familie aus Syrien aufzunehmen, wunderte sie sich nicht einmal. Sie sagte nur, hol dir den Maxi-Cosi für das Neugeborene von deiner Schwester, und einen Zwillingswagen für die zwei- und vierjährigen Mädchen müssten wir auch noch haben. Typisch. Sie ist so herrlich praktisch. Und wenn irgendwo angepackt werden muss, kann man sich auf sie verlassen.

Am selben Abend hatte ich noch eine Aufgabe zu bewältigen, vielleicht die schwierigste: Das Gespräch mit meinem Mann und meinen Kindern. Im kleinsten Kreis erlebte ich, was zurzeit in ganz Deutschland diskutiert wird. Das Für, das Wider und vor allem das Wie.

Mein Mann war skeptisch. Fragte mich tausend Sachen wie: Woher kommen sie? Wie lange bleiben sie? Was haben sie erlebt? Wo ist der Vater? Wie sollen wir uns verständigen? Was ist, wenn etwas passiert? Wer ist für sie verantwortlich? Bist du dir ganz sicher, dass du das machen willst?

Am Ende sagte er nur: "Ich weiß, wie viel es dir bedeutet. Lass es uns versuchen." Und: "Aber das ist dein Ding. Du kümmerst dich um sie. Glaub nicht, dass ich jetzt hier morgens die Behördengänge mache!"

Deal!

Auch unsere drei Kinder hatten viele Fragen und äußerten ihre Bedenken. "Wir sind doch schon so eine große Familie" oder "Eigentlich wollte ich ja keine Geschwister mehr". Als ich ihnen erzählte, dass diese Kinder aus dem Krieg kämen und weder ein eigenes Bett noch ein Spielzeug, geschweige denn richtige Kleidung besäßen, gab es kein zweites Überlegen. Sie waren zauberhaft, großherzig und generös mit all den Spielsachen, die sie nicht mehr brauchten. Wie so oft machten meine Kinder mir vor, wie einfach es gehen kann.

Wir richteten gemeinsam die Einliegerwohnung in unserem Haus her, es sollte kuschelig und gemütlich sein.