DIE ZEIT: Herr Hurrelmann, seit Jahrzehnten fühlen Sie unserem Nachwuchs den Puls, seit 2002 mit der Shell-Jugendstudie, deren neueste Ergebnisse jetzt vorliegen. Hat Sie noch etwas überrascht?

Klaus Hurrelmann: Mich hat überrascht, dass das politische Interesse der Jugendlichen zugenommen hat. Da ist eine veritable Trendwende zu beobachten. Im Jahr 2002 interessierten sich nur 30 Prozent von ihnen für Politik, jetzt sind es 41 Prozent. Bei den ganz Jungen – wir betrachten ja die ganze Spanne der 12- bis 25-Jährigen – deutete sich das 2010 schon an. Die damals 12- bis 14-Jährigen sind politisch interessiert geblieben und ziehen hierbei inzwischen Jüngere nach.

ZEIT: Ist das politische Interesse 12- bis 14-Jähriger überhaupt ernst zu nehmen?

Hurrelmann: Allerdings. Diese Altersgruppe ist hochinteressant, weil sich bei ihr nicht nur neue Themen im Entstehen zeigen, sondern auch Parteipräferenzen. Mehr als die Älteren und übrigens auch mehr als die Studierenden bilden sie eine Art Frühwarnsystem für politische Strömungen.

ZEIT: Weshalb überrascht Sie das zunehmende Interesse der Jugend an Politik?

Hurrelmann: Weil das etablierte politische System bei ihr weiter auf Kritik stößt, wie unsere Studie zeigt. Die Politikverdrossenheit bleibt bestehen, genauer gesagt, die Verdrossenheit mit der Art, wie Politik derzeit gemacht wird. Die ist den jungen Leuten zu apparathaft, entspricht nicht ihren Vorstellungen von Transparenz, von direkter und schneller Einflussnahme, die sie mit ihrer digitalen Prägung bevorzugen.

ZEIT: Dennoch bejaht der Nachwuchs in seiner großen Mehrheit auch unsere Demokratie.

Hurrelmann: Richtig. Er fremdelt aber eben mit den Institutionen, die eine repräsentative Demokratie nach den Vorstellungen von uns Älteren notwendigerweise braucht. Und das ist noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass es sich um eine junge Generation handelt, die Deutschland auch als Nation attraktiv findet.

ZEIT: Das formulieren Sie jetzt sehr nüchtern. In Ihrer Studie sagen 62 Prozent der jungen Leute, sie seien stolz, Deutsche zu sein.

Hurrelmann: Ja, das hätte ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet.

ZEIT: Haben Sie als Angehöriger der 68er-Generation kein mulmiges Gefühl bei diesem Befund? "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", das hörte man früher von rechtsaußen.