Ihr Albtraum, sagt Verena Pausder, sehe etwa so aus: In acht Jahren sitzen ihre Söhne, heute fünf und acht, in verschiedenen Ecken der Wohnung und daddeln auf ihren Smartphones vor sich hin. Spricht man sie an, schaut keiner auf. "Zwei Jungs, die wie ausgecheckt wirken – davor habe ich Angst." Diese Befürchtung dürfte Pausder mit Tausenden von Eltern teilen. Das Besondere an Pausder ist nur: Mit der Faszination, die schon Kleinkinder für Tablets und Smartphones verspüren, verdient die 36-Jährige ihr Geld. Ihr Unternehmen Fox & Sheep entwickelt sehr erfolgreich Apps für Ein- bis Sechsjährige. Mit Spielen wie "Schlaf gut" oder "Kleine Bauarbeiter" setzte es im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Euro um. 15 Millionen Mal wurden die Apps bisher weltweit heruntergeladen. In Deutschland ist Fox & Sheep damit Marktführer.

Wie bekommt Pausder diese Welten zusammen?

Ein ebenerdiges Hinterhofbüro in Berlin-Mitte. An den Glastüren hängen die bunten Porträts der Fox-&-Sheep-Stars: Elefanten, Ponys, Füchse. Von außen sehen die Räume aus wie eine Kita. Und von innen eigentlich auch: mit Kindersitzgruppe von Ikea und Brettspielen im Regal. Mittendrin das Spielzeug für Erwachsene: drei Schreibtische mit Laptops, Konferenztisch, Küchenzeile. Und Verena Pausder, groß, schlank, aufrechte Haltung, schwarzes Wickelkleid, schwarze High Heels, dezenter Goldschmuck.

Als Gründerin und Mutter wurde sie bald zum Postergirl der Start-up-Szene

Mit dem quietschbunten Kita-Mobiliar beißt sich dieses Outfit zunächst. Wenn sie sich aber an den Konferenztisch setzt und zu erzählen beginnt, in rasantem Tempo und mit großzügig eingestreuten Lachern, und zwischendurch quer durch den Raum sprintet, um ein Tablet zu holen und durch die Entwürfe für das neueste Spiel zu wischen, hat man das Gefühl: Diese Frau hätte auch kein Problem damit, in ihren Stöckelschuhen mit einem Trupp Fünfjähriger über ein Fußballfeld zu rennen.

Die Mischung aus Businesslady und Bolzplatzkumpel half ihr vermutlich, als sie sich vor fünf Jahren daranmachte, als neue Geschäftsführerin des Online-Spiele-Herstellers Young Internet die eher männlich geprägte Berliner Start-up-Szene aufzumischen. Binnen weniger Monate brachte sie Struktur in das sehr schnell gewachsene Jungunternehmen. Sie schweißte die 60 Mitarbeiter zu einem Team zusammen, benannte die Firma in Goodbeans um und richtete sie strategisch neu aus: vom Internetspielehersteller zum App-Entwickler. Kurz darauf gründete sie mit ihrem Kollegen Moritz Hohl Fox & Sheep.

Gründerin, erfolgreich, Mutter, technikbegeistert – schnell wurde Pausder zum Postergirl der Start-up-Szene. Offen erzählt sie von ihren Erfahrungen als Unternehmerin und Mutter. "Ich möchte, dass auch andere Frauen sich trauen, ein Unternehmen zu gründen, egal, ob sie Kinder haben oder nicht", sagt sie. "Also muss ich über diese Themen auch sprechen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Schon bald aber verkauften Pausder und Hohl die Mehrheit von Fox & Sheep wieder. Seit Ende vergangenen Jahres gehören 77 Prozent der Unternehmensanteile dem fränkischen Spielzeughersteller Haba, der so Zugang zur digitalen Spielewelt gewinnen will. Pausder und Hohl bekamen dafür einen zweistelligen Millionenbetrag.

Dem ungeschriebenen Gesetz der Start-up-Szene folgend, hätten sich beide neuen Projekten widmen oder eine Auszeit in der Südsee nehmen müssen. Und tatsächlich verließ Hohl das Unternehmen, um sich etwas Neues zu suchen. Pausder aber blieb. Mit den digitalen Welten für Kinder, sagt sie, habe sie endlich ihr Thema gefunden. "Ich war ja lange rastlos, fand immer wieder neue Dinge spannend", sagt sie. "In diesem Bereich passiert aber gerade so viel, und alles verändert sich so schnell, dass ich das Gefühl habe: Alles, was mich interessiert – Zukunft, Digitales, Bildung, Kinder –, kann ich hier verwirklichen."