Rund 15 Menschen arbeiten heute in der Traumfabrik, so nennt Roosegaarde sein Studio. Sie sollen herausfinden, wie es aussehen könnte, wenn die Technik die Maschinen verlässt und mit der Natur verschmilzt, wenn das Analoge und das Digitale sich treffen, das Alte und das Neue sich vereinen.

Straßen sind alt, Straßen sind seit Römerzeiten radikal analog, einmal abgesehen von ein paar neuzeitlichen elektronischen Staumeldetafeln. Wieso ausgerechnet Straßen, sie sind ja nicht gerade typische Designobjekte? Roosegaarde erzählt seine Geschichte so: Als er einmal durch seine Heimat gefahren sei, habe er sich gefragt, warum wir nur die Autos moderner machten, die Motoren umweltfreundlicher, die Karosserien eleganter? Die Fahrer selbst sehen doch gar nichts von der äußeren Schönheit. Müsse man nicht vielmehr die Wege verbessern – für die Nutzer und die Umwelt?

Roosegaarde beschreibt sogleich seine Vision eines Smart Highways: Elektroautos befahren ihn, klar. Rechts verläuft eine Induktionsspur, hier laden sich die Wagen während der Fahrt auf. Der Asphalt ist mit wetterempfindlicher Farbe bestrichen. Wenn es zum Beispiel friert, leuchten Flockensymbole auf der Fahrbahn auf, um die Fahrer zu warnen. Schilder gibt es sowieso zu viele, und niemand beachtet sie wirklich. Die einzelnen Fahrspuren werden deshalb durch Lichter voneinander abgegrenzt, je nach Verkehrslage ändert sich die Verkehrsführung – morgens gibt es mehr Spuren stadteinwärts, abends mehr stadtauswärts. Auch die Beleuchtung reagiert: Wenn gerade kein Auto fährt, bleibt die Straße dunkel. Was sie an Energie benötigt, generiert sie selbst: durch Solarpaneele am Seitenrand.

Man könnte dieses Konzept als Fantasterei eines Kreativen abtun, der gerade einen guten Lauf hat. Doch in den Niederlanden werden solche Konzepte bereits erprobt. So arbeitet Roosegaarde mit den Ingenieuren des Straßenbaukonzerns Heijmans zusammen. Gemeinsam haben sie fluoreszierende Farbe entwickelt, die sich tagsüber mit Energie vollsaugt und nachts zehn Stunden lang leuchten kann.

Sind solche Ideen auch für andere Fachleute einleuchtend? "Ich würde das gern einmal zusammen mit Roosegaarde und einer deutschen Autobahndirektion besprechen, entweder die fallen vom Stuhl – oder sie werden neugierig", sagt Hartmut Topp. Der Bauingenieur hatte an der Technischen Universität Kaiserslautern den Lehrstuhl für Mobilität und Verkehr inne und berät seit seiner Emeritierung bei Infrastrukturprojekten. Topp weist auf die Fragestellungen hinter den Technopoesien hin: dass natürlich auch smarte Straßen bezahlbar sein müssten, dass Verkehr heutzutage eher mehr als weniger landschaftliche Ruhe brauche.

Selbstleuchtender Randstreifen bei Oss in den Niederlanden © Remko de Waal/AFP/Getty Images

Ob das zusammengeht? Die "Straße der Zukunft", eben jene N329, in der Provinz Brabant ist die Versuchsanordnung für eine Antwort. Zum Freiluftlabor hatte ihn die Regionalverwaltung gemacht, indem sie zwei Kilometer der Landstraße zum Testort für experimentellen Straßenbau erklärt hatte. Als hier im vergangenen Herbst Roosegaardes grüner Leuchtstreifen eingeweiht wurde, lief das live im Fernsehen. Danach gab es kilometerlange Staus, weil zu viele Niederländer die Zukunft Probe fahren wollten.

Nicht alles funktioniert. Mit der Leuchtkraft seiner grünen Farbe ist Roosegaarde noch überhaupt nicht zufrieden. Und gerade überlegt der Designer, die natürlichen Leuchtstoffe (sogenannte Luciferine), welche Glühwürmchen oder Quallen zum Strahlen bringen, in Grünpflanzen einzukreuzen. Leuchtende Bäume am Straßenrand sollen es werden, um eine elektrische Straßenbeleuchtung weitgehend überflüssig zu machen. Experimente mit Topfpflanzen laufen bereits in seinem Rotterdamer Studio, in fünf Jahren soll die Idee reif für den Straßenrand sein. Dann wäre Daan Roosegaarde seiner Vision ein Stück näher gekommen: Seine Erfindungen sollen mit der Landschaft verschmelzen.

Ein Vorgeschmack auf eine solche Hybridumwelt liegt vor den Toren Eindhovens, versteckt hinter einer großen Kreuzung im Vorort Nuenen. Und eigentlich hat nicht Daan Roosegaarde das Szenario erfunden, sondern Vincent van Gogh. Ein schmaler Radweg schlängelt sich in Nuenen unter bewölktem Nachthimmel über ein Feld, er verbindet zwei Wassermühlen. Nachts begegnet man hier keinem Menschen, bloß Tieren. Es quietscht und raschelt aus den Sträuchern am Wegesrand, dazu surren hoch oben elektrische Leitungen an einem Strommast. Ein wenig menschenverloren und unheimlich wirkt dieser Ort, selbst wenn man es nicht weiß: Ganz in der Nähe hat sich van Goghs Geliebte Margot Begemann im Herbst 1884 mit Strychnin vergiftet.

Zu dieser Stimmung passt es prima, dass das mitgebrachte Rad keine Spur von Beleuchtung aufweist. So liegen die ersten paar Meter des Pfades im Stockfinsteren, fahren muss man also nach Gehör. Dann aber tauchen vereinzelt kleine grüne Lichtpunkte im Asphalt auf, nur zögerlich werden es mehr. Am Wegesrand kommen lilafarbene Leuchtdioden dazu, deren Licht sich mit dem der grünen Punkte vermischt. Wer den Blick vom Boden nach oben hebt, der sieht die kleine Anhöhe, die der Weg sich hinaufschmiegt: als hell leuchtendes Band, das so wirkt wie die langzeitbelichtete Fotografie einer Straße bei Dunkelheit. Es ist wie eine Sternennacht, in welcher der bestirnte Himmel im Boden steckt.