Die Balkanisierung droht, sie schleicht oder sie schreitet fort. Der Begriff ist diffus, ein Synonym für Verfall – und das nicht nur aus westeuropäischer Perspektive. Auch auf dem Balkan selbst wird das Wort aufgegriffen und auf die Nachbarstaaten projiziert.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat dieses Phänomen einmal so erklärt: Die Kroaten seien stets bemüht, zu erklären, dass der Balkan eigentlich erst mit den Nachbarstaaten Bosnien und Serbien beginne. Die Slowenen sähen sich selbst als die Grenzhüter des Westens. Die Österreicher wiederum seien der Überzeugung, dass Slowenien, das einmal zu Jugoslawien gehörte, natürlich ein Balkanstaat sei. Für die Deutschen sei selbst Österreich zu bunt und zu unfein – hatte sich das Habsburgerreich nicht ohnehin in Richtung Südosten orientiert? Und so gehe die Sache immer weiter, bis nach Großbritannien, wo man nicht einmal mehr darauf poche, europäisch zu sein. Doch wo ist dann das wirkliche Europa?

Auf sonderbare Weise scheinen sich die "wahren" europäischen Werte mit jeder südöstlichen Grenze weiter aufzulösen. Europa definiert sich durch sein "Nicht-Balkan-Sein". Der Balkan gilt als exotisch, halb orientalisch, faszinierend und furchterregend zugleich. Die wissenschaftliche Historiografie der Region und die politischen Analysen sind auf die Beschreibung des Zerfalls spezialisiert. So wurde der Balkan – wo immer er liegt – zum Unterbewussten des gesamten Kontinents.

Das Unbehagen, das der Balkan im Westen auslöst, ist dabei nicht allein mit den blutigen Kriegen der neunziger Jahre zu erklären. Es sitzt sehr viel tiefer. Beunruhigend wirkt der Überschuss an Geschichte, die Unordnung der Gegenwart, die Ungewissheit der Zukunft. Doch warum, fragt man sich, ist das so? Blickt Europa etwa in das eigene, negative Spiegelbild, wenn es den Balkan betrachtet? Erkennt es in dieser Region am Rande eine verdrängte Facette seiner selbst? Ist Europa womöglich viel balkanischer, als es das wahrhaben möchte? Und wäre es dann nicht an der Zeit, das Balkanische in uns entschlossen zu umarmen? Schließlich ist es doch gerade die kulturelle Diversität, die Europa – wo immer es liegt – wesentlich ausmacht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Unity in diversity, Einheit in Vielheit, lautet nicht umsonst das offizielle Leitbild, die Leitkultur der Europäischen Union. Unity in diversity, das hört sich entspannt an und spannend. Europa ist voller Leben, voll unterschiedlicher Sprachen und Prägungen. Europa, das über Jahrhunderte so viele Kriege hervorgebracht hat, will Vielfalt, um weitere Kriege, zumindest auf eigenem Boden, zu verhindern. Unterschiede müssen – um des Lebens willen – bestehen bleiben. Darin sind wir uns einig.

Warum aber müssen wir uns dann gegen den Balkan abgrenzen und seine reiche Geschichte verdrängen?

Vielleicht, weil diese Geschichte in uns die Angst vor dem Scheitern unseres Ideals der kulturellen Vielfalt weckt. Weil wir Angst haben, Europa könnte wie der Balkan in Krieg und Gewalt versinken. Doch der Balkan zerfiel nicht wegen seiner Vielfalt. Er scheiterte an Nationalismen – an der Ablehnung von Vielfalt.