Es war mal wieder nichts Geringeres als eine Revolution, die Apple im Frühjahr ankündigte. Man wolle etwas "für immer verändern". Und auch die Reaktionen klangen nach etwas sehr Bedeutsamem: "Bahnbrechend" sei das, was da vorgestellt worden war, "einfach großartig", "fantastisch". Doch es war kein neues iPhone, das bejubelt wurde, noch nicht einmal ein neues Betriebssystem, nein, es war – ein neues Forschungsinstrument. Und die Jubler waren keine Technikenthusiasten, sondern Ärzte und Wissenschaftler angesehener US-amerikanischer Universitäten.

ResearchKit heißt dieses Werkzeug. Es ist eine Entwicklungssoftware für das iPhone, die es erleichtern soll, medizinische Studien durchzuführen. Forscher können damit auf einfache Weise iPhone-Apps programmieren und diese für ihre Untersuchungen einsetzen. Das verspricht Abhilfe gegen einen der größten Engpässe: passende Versuchspersonen zu finden.

Das ist bislang ein schwieriges Geschäft, nur wenige klinische Studien haben vier- oder gar fünfstellige Probandenzahlen. Ein Smartphone aber besitzen viele. Bislang hat Apple mehr als 700 Millionen iPhones verkauft, viele Geräte dürften noch in Gebrauch sein und könnten als Forschungsinstrument dienen. Eine App kann im Prinzip auf Millionen Geräten installiert werden. Und neuere Modelle sind noch weit mehr als reine Probandenkuppler, stecken in ihnen doch diverse Sensoren, die von selbst nützliche Gesundheitsdaten sammeln können. Auf einen Schlag hätte man also Millionen von potenziellen Studienteilnehmern. Gute Voraussetzungen also, oder kalifornisch ausgedrückt: eine Revolution.

Bald nach der Bekanntgabe von ResearchKit erschienen die ersten Anwendungen. Eine Asthma-App etwa, mit der ergründet werden soll, was Anfälle verschlimmert. Oder eine App, um herauszufinden, warum sich manche Brustkrebspatientinnen nach überstandener Krankheit besser erholen als andere. Weitere Apps für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Parkinson konnten heruntergeladen werden. Etwa 60.000 Menschen taten das bereits in den ersten vier Wochen seit Veröffentlichung von ResearchKit Anfang März – und meldeten sich auch zu den Studien an.

Im August folgte dann die erste deutsche Studie, die auf dem ResearchKit aufgebaut ist: "Back on Track" heißt sie und wurde von Philipp Niemeyer und Martin Zens von der Universität Freiburg entwickelt. Mit ihrer Hilfe soll herausgefunden werden, welche Behandlung bei Kreuzbandrissen die beste ist. Niemeyer, Oberarzt an der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, erhofft sich fünfstellige Probandenzahlen – statt dreistellige wie bei konventionellen Studien, in denen jeder Patient einzeln angesprochen oder angeschrieben werden muss. Bislang sind rund 700 Kreuzbandriss-Patienten zusammengekommen, die alle zwei Wochen Fragen zu ihrem Befinden beantworten. ResearchKit bringt den Fragebogen aufs Handy. Doch Niemeyer und Zens wollen die App weiterentwickeln, "in einer der nächsten Stufen werden wir definitiv auch messen, wie beweglich die Patienten sind".

Dabei wollen sie, wie andere Forscher auch, die in den meisten Smartphones eingebauten Sensoren nutzen: Beschleunigungssensor, Lagesensor und Satellitenortung. Diese digitalen Fühler nutzen, wie praktisch, schon jetzt viele gesunde Menschen, um ihre Fitness- und Gesundheitswerte aufzuzeichnen.

Klingt also alles danach, als liefe die Revolution richtig gut an. Doch wie bei den meisten Umwälzungen gibt es auch hier Konterrevolutionäre. Oder zumindest Menschen, die die Revolution skeptisch betrachten.

Einer davon ist Martin Windeler. Er ist Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und gesteht zu, "dass man durch die Erhebung über das iPhone an Daten kommt, an die man normalerweise so einfach nicht gekommen wäre". Entscheidend sei aber, "wie gut die Daten sind und wie damit umgegangen wird". Eine große Zahl von Probanden allein macht noch keine brillante Wissenschaft. Wie gut eine Studie sei, hänge auch nicht von den Geräten ab, mit denen die Daten erhoben werden, sondern von der Anlage der Studie, sagt Windeler. Orthopäde Niemeyer sieht das ähnlich: "Man muss sich bei so einer Studie natürlich immer fragen: Wie gut sind die Daten, die man generiert?" Trotz dieser Bedenken wird ResearchKit von vielen Forschern bereits genutzt, inzwischen nehmen weltweit etwa 100.000 Menschen an entsprechenden Untersuchungen teil. Und gerade erst sind neue Studien zur Erforschung von Autismus, Epilepsie und Hautkrebs verkündet worden.

Philipp Niemeyer ist gedanklich allerdings schon einen Schritt weiter: Mit Smartphones und Apps könne man sich doch auch an Gesunde wenden, "und die dann vielleicht im Moment der Verletzung erreichen". Instant-Probanden also – falls sie sich überhaupt noch verletzen. Denn der Arzt erwägt, mit den richtigen Apps irgendwann sogar "präventiv tätig zu werden".