Jetzt endlich! Die Revolution!", "Alle gemeinsam für ein einiges Vaterland!" – Spruchbänder mit Kampfparolen wie zu schönster Revoluzzerzeit flattern vor dem Präsidentenpalast von Buenos Aires. Gruppen mit Namen wie Movimiento Evita verteilen Handzettel, Jugendgruppen dreschen auf Pauken ein, stimmen Kampflieder an. "Schauen Sie auf die Leute, spüren Sie ihre Leidenschaft!", raunt eine Jurastudentin, 29 Jahre alt. Sie stellt sich als "militante Kämpferin" vor. "Das ist keine Politik für den Kopf! Das geht uns unter die Haut!"

So fröhlich, mit so viel revolutionärem Pomp ist wohl noch nie eine linke Ära zu Ende gegangen. Die Kundgebung vor der Casa Rosada hat die Regierungspartei selbst organisiert. Wenn am kommenden Wochenende Argentinien einen neuen Präsidenten wählt, ändert das Land seine Marschrichtung: Nach zwölf Jahren geht es erstmals wieder nach rechts.

Die Amtsinhaberin Cristina Fernández de Kirchner (62) darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und Vorgänger, dem verstorbenen Néstor Kirchner, hatte sie seit 2003 massive Umverteilungsprogramme zugunsten der Armen aufgelegt. Die Kirchners legten sich mit den Militärs aus der Diktaturzeit an, sie verstaatlichten Unternehmen und schotteten die heimische Wirtschaft ab. Sie gingen auf Konfrontation mit den USA und den Weltfinanzmärkten. Bis heute steckt Argentinien in einem unversöhnlichen Streit mit Gläubigern, die Kirchner als "Geier" beschimpft.

Bei der Demo vor der Casa Rosada, auf Papptafeln und Ansteckbuttons, sind Néstor und Cristina zwar überall gegenwärtig. Doch selbst ihre eigene politische Bewegung forciert nun einen Kurswechsel nach gemäßigt rechts.

Favorit für die Nachfolge ist Daniel Osvaldo Scioli (58), der Kandidat der Regierungspartei, ein Elektro-Unternehmer, Powerboot-Racer und Gouverneur. Scioli beherrscht zwar die Kunst, mit seiner rauen Stimme Arbeiterparolen von Podien herabzuschmettern. Doch im Kern steht er für eine moderatere, wirtschaftsfreundlichere Politik als bisher. "Scioli ist der Kandidat, der zugleich Kontinuität und Hoffnung auf schrittweise Veränderungen verspricht", glaubt Luis Costa, Chef für Politikanalyse beim Meinungsforschungsinstitut IPSOS. Das ziehe bei den Argentiniern am besten. Radikale Umbrüche machten ihnen Angst. Zwei andere Kandidaten – ein Wirtschaftsliberaler und ein Rechter – hätten zwar noch Chancen, lägen aber weit abgeschlagen.

Dass die Leute sich überhaupt Veränderung wünschen, ist ein argentinisches Paradox. Cristina Kirchner erreicht in Umfragen hohe Zustimmungswerte um die 50 Prozent – und gleichzeitig haben die Argentinier genug von ihr. Kirchner begreift Politik als permanente Selbstinszenierung, sie liefert ihrem Volk theatralische Auftritte, mal divenhaft betroffen, mal verletzend und voller Zorn. Um die Kirchner ranken sich Korruptionsgerüchte, ihr Privatvermögen ist auf mysteriöse Art angewachsen, manche Argentinier trauen ihr jede Übeltat zu. Als Anfang des Jahres der regierungskritische Staatsanwalt Alberto Nisman tot aufgefunden wurde, ging eine Mehrheit zunächst davon aus, dass Kirchner dahinterstecke. Inzwischen gilt das als unwahrscheinlich.