Wie wir die Lehre an deutschen Hochschulen verbessern können, erklärt der Bildungsforscher Manfred Prenzel.

DIE ZEIT: Herr Prenzel, Sie sind nicht nur Vorsitzender des Wissenschaftsrates, sondern als Professor auch Hochschullehrer. Haben Sie das Unterrichten irgendwo gelernt?

Manfred Prenzel: Ich hatte im Studium das Glück, einen fantastischen Professor als Lehrer zu haben – Hans Schiefele, der dann auch später mein Chef war. Er pflegte in seinen Veranstaltungen einen sehr offenen Stil. Das hat mich stark geprägt. Während des Studiums habe ich dann als Tutor jüngere Studierende betreut, später kamen im Promotionsstudium Lehraufträge dazu. Auch da hatte ich das Glück, von erfahrenen Kollegen zu lernen.

ZEIT: Sie haben zweimal das Wort Glück benutzt. Hängt es also vom Zufall ab, ob man als angehender Professor lernt, wie man lehrt?

Prenzel: Früher war es so. Inzwischen bieten aber viele Hochschulen Trainings für die Lehre an, manche sogar Coachings. Da wird zum Beispiel die Veranstaltung gefilmt, und man bespricht gemeinsam, was der Dozent hätte besser machen können. Gerade jüngere Wissenschaftler nutzen diese Angebote, denn sie versprechen sich bessere Karrierechancen, wenn sie mit Lehrkompetenz punkten können. Aber dieser Blick auf die Lehre ist mir viel zu eng.

ZEIT: Inwiefern?

Prenzel: Gute Lehre hängt nicht in erster Linie vom einzelnen Dozenten ab. Sie muss gut geplant werden, die Dozenten müssen sich über das Curriculum austauschen. Was sollen die Studierenden nach all den Vorlesungen, Seminaren und Übungen denn können? Wie prüfen wir ihre Fähigkeiten? Wie schneiden wir unsere Veranstaltungen auf diese Lehrziele zu? Was müssen wir Professoren dazu lernen? Alle diese Fragen müssen die Mitglieder eines Instituts oder einer Fakultät gemeinsam besprechen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

ZEIT: Passiert das denn?

Prenzel: Durch die oft kritisierte Bologna-Reform hat sich einiges bewegt. Zumindest mussten sich die Professoren eines Fachbereichs darüber verständigen, was die Studenten lernen sollen und wie man das in Module aufteilt. Hinzu kommen muss aber eine echte Auseinandersetzung über die Inhalte mit Folgen für die Lehre. Sie gehört zur Profession des Professors, daher müssen wir die Lehre professionalisieren.

ZEIT: Wie weit sind wir denn da?

Prenzel: Viele Professoren haben das auf dem Schirm. Das Problem ist eher, dass die Bedeutung der Lehre im wissenschaftlichen Alltag an den Rand gedrängt wird. Die Bürokratie verschlingt Zeit und die Forschung, von der die Karriere entscheidend abhängt. In dieser Situation ist die Gefahr groß, dass die Lehre in der Rubrik "Muss ich auch noch machen" landet.

ZEIT: Weil man sich über die Lehre nicht besonders profilieren kann?

Prenzel:Forschungsleistungen sind nicht nur höher angesehen, sie lassen sich auch besser messen. Meinen Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift kann ich vorzeigen, meine Drittmittel lassen sich zählen. Mein Lehrerfolg ist schwer zu fassen.

ZEIT: Sollte man gute Dozenten stärker mit Preisen und Auszeichnungen bedenken?

Prenzel: Das kann nicht schaden, aber institutionelle Strategien erscheinen mir nachhaltiger zu wirken. Natürlich soll jeder in seinem persönlichen Stil lehren, aber für die Hochschulen sind die Abstimmung untereinander und die Strategie für eine gute Lehre wichtiger.

ZEIT: Ist die Lehre durch die Exzellenzinitiative weiter marginalisiert worden?

Prenzel: In der Tendenz wahrscheinlich leider schon. Zum einen sind solche Wettbewerbe ein Zeitmagnet, ich muss ständig irgendwelche gut begründeten Anträge schreiben. Zum anderen entstanden eher neue Stellen in der Forschung. Dabei sind die Studierendenzahlen in den letzten Jahren extrem gestiegen, die Zahl der Professuren ist dagegen fast gleich geblieben. Das kann nicht so weitergehen.

ZEIT: Der Wissenschaftsrat hatte vor Jahren vorgeschlagen, Lehrprofessuren zu schaffen, die sich verstärkt auf die Lehre konzentrieren sollen. Doch die Lehrprofessuren erwiesen sich als Flop.

Prenzel: Den Lehrprofessuren schadet die Ansicht, sie seien Professuren zweiter Klasse. Tatsächlich könnte man sie auch als Experten für die Lehre betrachten.