Als das Konzert in Balingen vorbei ist, abends gegen halb neun, wollen sich die Landräte und Bürgermeister noch mit der Integrationsministerin zusammensetzen, das Restaurant in der Stadthalle hat extra aufgemacht. Bilkay Öney ist Schirmherrin der Veranstaltung, das anschließende Plaudern mit den Lokalpolitikern gehört dazu, sie bestellt sich ein kleines Radler. Eine knappe Stunde sitzt sie in der Runde, dann will sie los. Seit sieben Uhr morgens hat sie sich an diesem Oktobermontag quer durch Baden-Württemberg zu Terminen fahren lassen. Vormittags Mannheim, nachmittags Stuttgart, abends Balingen. Öney ist müde, anderthalb Stunden Rückfahrt noch.

"Es gibt Leute, die denken, dass ich jeden Abend nach Berlin pendle, aber ich muss nur nach Stuttgart", sagt sie zum Abschied. "Nicht in die Türkei?!", ruft ein Mann. Gelächter. "Das sagen nur die von der CDU!", kontert Öney und versucht ein fröhliches Gesicht. Sie kennt das ja schon.

Im Mai 2011 wurde Bilkay Öney, eine Berliner SPD-Politikerin mit türkischen Wurzeln, überraschend Integrationsministerin in Baden-Württemberg, im grün-roten Kabinett von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Mindestens genauso lange muss sich Öney schon mit ihrem türkischen Hintergrund auseinandersetzen, oder besser: mit dem, was die Öffentlichkeit auf eine Spitzenpolitikerin mit türkischem Hintergrund projiziert.

Manche sahen ihre Berufung als Beleg für den Aufstieg der Migranten in die Zentren der Macht. Als Integrationsministerin könne Öney Brücken schlagen zu den drei Millionen Deutschtürken, als Politikerin, die weiß, wovon sie spricht, eine Migrantin für die Migranten. Andere kritisierten genau das: weshalb Öney automatisch für das Amt der Integrationsministerin qualifiziert sei. Als zähle nur die biografische Expertise. Als taugten Migranten nur für Migrantenthemen. Die wahre Integration sei erst gelungen, wenn der persönliche Hintergrund egal sei, wenn jemand wie Bilkay Öney zum Beispiel Wirtschafts- oder Innenministerin würde. Aber das schien wohl selbst der SPD keine Option in diesem Ländle, das jahrzehntelang von einem der konservativsten und migrantenfernsten CDU-Landesverbände geprägt wurde. In diesem Umfeld ringt Bilkay Öney seit viereinhalb Jahren um ihre Rolle – und bald auch um ihre Macht.

Berlin am vergangenen Montagvormittag. Bilkay Öney hat das Schwarze Café in Charlottenburg als Treffpunkt ausgesucht, sie kennt es noch aus ihrer Studentenzeit. Der Laden ist eine Mischung aus Bistro und Kneipe, rund um die Uhr geöffnet, Öney gefällt das. Es ist nicht wie in Baden-Württemberg, wo sie mancherorts schon um sieben Uhr abends die Bürgersteige hochklappen. Am Wochenende hat Öney ihre Eltern in Berlin besucht, sie bedauert, dass sie nicht öfter hier sein kann. Öney, 45, ist ledig und hat keine Kinder. Ihr gesamtes soziales Umfeld sei hier, sagt sie. Manchmal brauche man ja jemanden, bei dem man sich auskotzen könne. Jemanden, der einen nicht hasse. Sätze, die ahnen lassen, wie Bilkay Öney die vergangenen Jahre erlebt haben mag.

Wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt, dann nennt sie nicht Deutschland und auch nicht die Türkei, wo sie geboren wurde. Sie sagt: "Ich bin Berlinerin." 1971, kurz nach ihrer Geburt, zogen Öneys Eltern aus Südostanatolien nach Spandau, die Erstgeborene holten sie mit zweieinhalb Jahren nach. Öneys Eltern sind Aleviten, die Tochter beschreibt sie als progressiv-links. In Spandau durfte Bilkay selbstverständlich auch mit Jungs spielen, ihre Mutter, eine Lehrerin, schickte sie zu den Pfadfindern. Religion lehnt die Familie eher ab. Bilkay Öney nennt sich eine "Rock-’n’-Roll-Muslima". Über ihr Verhältnis zum Islam sagt sie: "Ich glaube an Gott, aber nicht an das Bodenpersonal."