Der Sammler entscheidet, er hat die Wahl: kaufen, mithin die Nachfrage aufrechterhalten; oder nicht kaufen, mithin den Warenfluss unterbrechen. Die Ware, das sind illegal ausgegrabene und geschmuggelte Kulturgüter, nicht selten jahrtausendealt, etwa aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Ägypten. Keilschrifttafeln, Rollsiegel, Schmuckstücke. Die Käufer: Das sind wohlhabende Kulturbeflissene, die auch nach sicheren Geldanlagen suchen, darunter viele Europäer. Nicht in jedem Fall lassen einem die Verkaufssummen den Atem stocken wie jene knapp 16 Millionen Pfund, für die ein unbekannter Bieter in London eine etwa 4.500 Jahre alte Skulptur aus Kalkstein ersteigerte. Immer aber geht es um viel Geld. Von sechs bis acht Milliarden Dollar jährlich, die im illegalen Antikenhandel umgesetzt werden, gehen die Schätzungen aus.

Der freie Autor Günter Wessel hat eines Tages in den Seitenstraßen von Brüssel einen familiären Spaziergang zu den Schokoladenschaufenstern gemacht, doch dann blieben die Augen an einer Fülle von ägyptischen Kanopen in einem Antiquitätenladen hängen. Wie waren sie dorthin gelangt? Seither hat Wessel sich über Jahre hinweg reisend, recherchierend, fragend auf die Suche gemacht, um herauszufinden, wie der rechtswidrige Handel mit den Kulturschätzen funktioniert, wer die Akteure sind, und er hat aus dieser kunstkriminologischen Arbeit ein erschütterndes, ein umfassend informiertes Buch über die Vernichtung von Vergangenheit durch illegale Privatisierung gemacht: Das schmutzige Geschäft mit der Antike .

Keine beschauliche Kunstliebhaber-Lektüre: "Es ist ein Verbrechen. Es ist wie mit Blutdiamanten. Da hängen Menschenleben dran", sagt die Archäologin Monica Hanna in Kairo. "Deutschland spielt als Drehscheibe eine ganz unrühmliche Rolle", sagt der Mainzer Archäologe Michael Müller-Karpe. Wohl aber ist dieses Buch für all jene verfasst, die die Kunst lieben, die in ihr Speicher und Entwürfe der Existenz sehen, also eine kollektiv bewahrenswerte Geschichte, ohne die Menschen wie in Trümmerlandschaften verloren herumirren würden. Wer kauft, kann nicht mehr sagen, leider habe er nichts gewusst. Wir raten zu.