DIE ZEIT: Wie groß war der Stein, der Ihnen am Sonntagabend vom Herzen fiel, als Sie merkten: Doch, unsere Prognosen stimmen in etwa.

Claude Longchamp: Das war im Kieselsteinbereich, ganz ehrlich. Es gab ja selten einen derart starken Mainstream in den Erwartungen.

ZEIT: Wie war es bei Ihnen, Herr Hermann?

Michael Hermann: Bei mir war der Stein etwas größer. Es ist das erste Mal, dass wir so etwas machten. Da ist man schon gestresst.

ZEIT: Die Gewinne der SVP hat Sie nicht überrascht?

Hermann: Nein, das hat mich nicht überrascht. Auch nicht, dass die SVP am Ende stärker war als die FDP. Die FDP konnte sich im Frühling nach dem Frankenschock extrem einbringen mit ihrer Wirtschaftspolitik. Im Sommer war das Thema weg. Man sprach nur noch über Flüchtlinge. Dazu kam: Die Zuwanderungsfrage, die zwar etwas unterging, beschäftigt die Leute immer noch.

Longchamp: Bei den elf Sitzgewinnen sage ich ganz klar: Ich bin überrascht. Nun weiß man, dass die SVP vor vier Jahren auch durch Listenverbindungen verloren hat. Man wusste, dass da noch Abspaltungstendenzen der BDP drinnen waren. Aber mit elf Sitzen hast auch du nicht gerechnet, oder?

Hermann: (schmunzelt)

Longchamp: Schon bei den sechs Sitzen, die du prognostiziert hast, sagten alle: Ui, ui, ui. Auch die SVP selbst hat nicht mit elf Sitzen gerechnet. Sie hatten noch zehn Tage vor der Wahl ziemlichen Bammel, dass sie ein mediokres Resultat einfahren.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Was überrascht: Trotz dieses SVP-Triumphs war niemand schockiert.

Hermann: Da spielt sicher eine Rolle, dass die SVP 2011 ihre Aura der Unbesiegbaren verloren hat. Heute weiß man: Selbst wenn sie jetzt gewonnen hat, kann sie auch wieder verlieren.

ZEIT: Trotzdem, die SVP ist die erfolgreichste rechtspopulistische Partei in ganz Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Longchamp: Das war sie faktisch schon immer. Es gibt keine vergleichbare Partei, die eine Regierungsbeteiligung hat. Bisher hat man das mit dem Konkordanzsystem erklärt. In jedem anderen System wäre sie in der Opposition, allenfalls Königsmacherin für Minderheitenregierungen.

Hermann: Spannend finde ich: Auch in anderen Ländern kommen Rechtspopulisten in die Regierung. Das führt immer zu ihrer Entzauberung. Sie müssen Kompromisse eingehen, ihr Programm und ihre Haltung anpassen. Und dann werden sie bei den Wahlen abgestraft. In unserem System kann man aber gleichzeitig in der Regierung und in der Opposition sein. Man muss keine Verantwortung übernehmen. Das wird sich nicht ändern, auch wenn die SVP zwei Bundesratssitze bekommen sollte. Sie wird auch dann nicht entzaubert. Aber noch eine grundsätzliche Anmerkung: Die SVP ist keine reine rechtspopulistische Partei. Sie erinnert eher an die CSU.

Longchamp: Wenn man die Wählerschaft der SVP betrachtet, ist sie eine nationalkonservative, im bürgerlich-gewerblichen Milieu entstandene Partei mit einer nationalistischen Komponente.

ZEIT: Bereits vor vier Jahren haben wir uns nach den Wahlen getroffen. Damals sagten Sie, Herr Longchamp, das Zeitalter der Polarisierung sei vorbei.

Longchamp: Die Polarisierung wurde vom Rechtsruck überlagert. Aber sie ist nicht weg. Das sehen wir in Basel-Stadt, wo die Linke stark zulegte, aber auch in Zürich. Da haben wir auf der rechten Seite die FDP und die SVP, die gewannen – und auf der linken die SP.

Hermann: Interessant ist auch die Entwicklung in der Romandie: Da ging es in den 1990er Jahren stark nach links, nun hat die Linke überdurchschnittlich hohe Verluste eingefahren. Die Romandie gleicht sich der Deutschschweiz an. Bisher hat sich das vor allem in Abstimmungen gezeigt, jetzt auch in den Wahlen.