Die Deutsche Bank in Frankfurt © Reuters

Er hat für die Bank sein Leben gegeben. Er hat für sie gekämpft und gelitten, aber nun kennt ihn nicht einmal mehr die Dame am Empfang. "Breuer?", fragt sie und blättert durch ihr Namensverzeichnis. "Wer soll das noch mal sein?"

Vierzig Jahre hat Rolf Breuer für die Deutsche Bank gearbeitet, er war Vorstandssprecher und Vorsitzender des Aufsichtsrats. Wenn ihn sein Chauffeur morgens ins Frankfurter Hauptquartier fuhr – die beiden silbernen Zwillingstürme, die fast jeder schon mal im Fernsehen oder auf einem Zeitungsfoto gesehen hat –, dann wartete in der Tiefgarage schon jemand, um ihm die Wagentür zu öffnen. Mit dem Aufzug ging es ohne Zwischenstopp nach oben.

In der Welt, in der Rolf Breuer damals lebte, ist es wichtig, wie groß ein Büro ist, auf welcher Etage es liegt und wie viel Tageslicht hineinscheint. Licht symbolisiert Macht. Rolf Breuer war sehr mächtig, über sich hatte er nur den Himmel und unter sich die ganze Stadt. Als er 2006 sein letztes Amt abgab, behielt er wie so viele ehemalige Führungskräfte noch einen Fahrer, eine Sekretärin und das Büro hoch droben in Turm A. Doch wenn man heute am Eingang zur Bank nach ihm fragt, scheint ihn niemand mehr zu kennen.

Die Sache klärt sich erst auf, als eine zweite Empfangsmitarbeiterin hinzukommt. Breuers Büro, weiß sie, ist inzwischen woanders: in einem flachen Gebäude gleich um die Ecke, im Schatten der Türme der Bank. Dort sitzen jene, die nicht mehr gebraucht werden.

In fast jeder Firma, fast jedem Konzern gibt es die Alten, die immer noch da sind, obwohl sie schon lange keine Funktion mehr haben. Manchmal ist es der Patriarch, der den Familienbetrieb aufgebaut und zur Blüte geführt hat. Manchmal sind es die früheren Vorstände. Zuerst dürfen sie ihr Büro behalten, dann sieht man sie morgens kommen und über den Flur gehen. Aber irgendwann werden sie doch gebeten, umzuziehen – erst in eine andere Ecke der Etage. Dann in eine andere Etage. Und manchmal in ein anderes Haus. Die Alten hören meist nichts vom Spott, der sie begleitet: dass sie jetzt in der "Grabkammer" wohnen, wie es in einem großen deutschen Konzern heißt, oder auf dem "Elefantenfriedhof", wie man in manchen Firmen sagt.

Bei der Deutschen Bank nennen sie es: das Sterbehaus.

Von den Zwillingstürmen sind es nur ein paar Schritte in die kleine Querstraße, in der das Sterbehaus steht. Sechs Treppenstufen führen hinauf zum Eingang. Am Haus gibt es keinen Hinweis auf die Deutsche Bank, kein Firmenlogo. Auf dem Rasen davor hat eine Immobilienfirma ihr Werbeplakat in den Boden gerammt: Sie vermietet hier "Lagerräume in Toplage".

Das Haus hat keinen Pförtner und keine Empfangsdame. Nur eine kleine Kamera überwacht die Tür. Klingelt man, meldet sich eine freundliche Frauenstimme: "Zweite Etage", sagt sie, "kommen Sie rauf!" Auf dem Weg zum Aufzug kann man in einen kleinen Innenhof sehen: Büsche, ein Kiesweg, ein paar junge Bäume. In der zweiten Etage: wieder eine Tür, wieder eine Kamera. Und eine Klingel. Eine Mitarbeiterin öffnet. Es ist ganz still.

Hier, in dieser Stille, wird man eine Erklärung finden für den beispiellosen Abstieg der Deutschen Bank.

Sie war einmal eines der angesehensten Unternehmen des Landes, vielleicht sogar der Welt. "Vertrauen ist der Anfang von allem": Das war der Slogan, mit dem die Deutsche Bank für sich warb. Heute ist sie ein Unternehmen, gegen das weltweit 6000 Prozesse geführt werden. Einige Urteile sind schon gesprochen, einige Vergleiche geschlossen, in weiteren Fällen wird noch ermittelt. Es geht um Geldwäsche, Steuerkriminalität, Zinsmanipulation. Es geht um missbrauchtes Vertrauen.

Das aufsehenerregendste Verfahren findet in München statt, wo sich seit Monaten der amtierende Vorstandschef Jürgen Fitschen, zwei seiner Vorgänger und zwei weitere ehemalige Spitzenmanager der Bank vor Gericht verantworten müssen. Früher war die Deutsche Bank ein Symbol für Seriosität und Verlässlichkeit. Heute ist sie auch ein Symbol für Betrug und Tricksereien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Die Antwort auf die Frage, wie es so weit kommen konnte, wird meist in der Zentrale der Bank vermutet, in den Zwillingstürmen, wo Aktienkurse und Rohstoffpreise über Hunderte Monitore flimmern, wo aufgeregte Analysten nach der besten Kaufempfehlung suchen, wo ganz oben die Vorstände über weltweit 100.000 Mitarbeiter regieren. Tatsächlich aber verbirgt die Antwort sich fast ganz unten, am Boden, dort, wo diejenigen angekommen sind, die in der Bank nichts mehr zu sagen haben, die aber jahrelang ihren Kurs bestimmten.

Hinter der Tür geht es nach rechts, einen schmalen Gang entlang. Die Namensschilder an den Türen auf beiden Seiten lesen sich wie ein Who’s who der Deutschen Bank.

Hilmar Kopper, von 1977 bis 1997 im Vorstand, die letzten acht Jahre als Vorstandssprecher. Weitere fünf Jahre Aufsichtsratschef der Deutschen Bank.

Ulrich Weiss, 19 Jahre im Vorstand, von 1979 bis 1998.

Georg Krupp, 13 Jahre im Vorstand, von 1985 bis 1998.

Michael Endres, zehn Jahre im Vorstand, bis 1998.

Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, elf Jahre im Vorstand, von 1990 bis 2001.

Ronaldo Schmitz, neun Jahre, von 1991 bis 2000.

Und Rolf Breuer, 17 Jahre im Vorstand, Vorstandssprecher von 1997 bis 2002, danach vier Jahre Aufsichtsratschef.