Gibt es John Cryan überhaupt? Oder ist er nur eine fiktive Figur, die Aufsichtsratschef Paul Achleitner erfunden hat, um in der Deutschen Bank endlich aufräumen zu können? Natürlich ist die Frage Unsinn, der neue starke Mann des wichtigsten deutschen Geldhauses existiert, aber manchmal kommen einem solche Fragen in den Sinn.

Seit dem 1. Juli ist der Brite Vorstandschef, doch er bleibt ein Phantom. Bis heute hat John Cryan weder ein Interview gegeben noch einen öffentlichen Auftritt absolviert, auch Hintergrundgespräche mit Journalisten meidet er. Selbst als der Aufsichtsrat der Deutschen Bank am vergangenen Sonntag im Hotel Jumeirah in der Frankfurter Innenstadt zusammentrat und mit der Vergangenheit brach, war Cryan nicht persönlich anwesend. Um 14 Uhr ging die Sitzung los, doch Cryan war nur per Telefon zugeschaltet. Eine Stimme aus dem Off. So erzählt es einer, der am Sonntag dabei war. Die Bank will das nicht kommentieren.

Die Entscheidungen, die folgten, sind radikal. Es gehört zum Einmaleins der Unternehmensführung, dass ein neuer Chef schmerzhafte Einschnitte kurz nach Antritt verkündet, doch einen Start, wie ihn John Cryan gerade hinlegt, hat die Republik lange nicht gesehen.

Noch fehlen wichtige Details, noch muss er beweisen, dass er die Deutsche Bank zu neuer Profitabilität und alter Größe führen kann. Doch eine Handschrift ist bereits klar erkennbar: Nachdem er sein Amt übernommen hatte, sagte Cryan, es gehe "nicht länger um Worte, sondern um Taten". Und tatsächlich handelt der 54-Jährige, statt viel zu reden. Sollte er so weitermachen, könnte aus dem von Strafzahlungen und Skandalen gebeutelten Schmuddelkind der Branche vielleicht wirklich wieder ein Haus werden, das Maßstäbe setzt. Zur Abwechslung mal im Positiven.

Es fing an vor rund zwei Wochen, als der oft als Zahlenmensch beschriebene Cryan sich zunächst den Finanzen zuwendete. Er schrieb den Wert mehrerer Beteiligungen wie der Postbank drastisch ab und legte weiteres Geld für Rechtsstreitigkeiten zurück. Die Deutsche Bank verzeichnete dadurch einen Quartalsverlust in Höhe von 6,2 Milliarden Euro nach Steuern, den größten, den sie in ihrer langen Historie erlebt hat. Den Aktionären machte Cryan klar, dass die Dividende für 2015 aus diesem Grund ganz oder teilweise ausfallen wird. Und den Mitarbeitern sagte er unmissverständlich, dass sie "zu Recht" einen Teil der Belastung tragen müssen. Sprich: dass die Boni für das laufende Jahr nicht so üppig ausfallen werden wie gewohnt. Beides hatte die Führung der Bank in der Vergangenheit vermieden wie der Teufel das berühmte Weihwasser.

Am Sonntag nun ging es um Strukturen und Personen, wobei die Änderungen in der Organisationsstruktur weit wichtiger waren als die Köpfe, die rollten. So schneidet Cryan die Konzernsparten neu zu: Das traditionelle Investmentbanking – die Finanzierung von Unternehmen, die Beratung bei Fusionen und Übernahmen – bildet künftig eine Einheit mit dem Zahlungsverkehr, die das langweilige, aber stabile Geschäft bündelt. Der oftmals lukrativere, aber beim Ergebnis auch stärker schwankende Handel mit Anleihen und Aktien hingegen, der vielen heute als Synonym für ein Investmentbanking der Zocker gilt, steht künftig alleine da. Dadurch ist dieses riskante Geschäft, das das Geschäftsvolumen der Bank aufbläht und relativ viel Kapital braucht, für Investoren und staatliche Aufseher deutlich transparenter. Sie können so einfacher als bisher erkennen, ob das höhere Risiko auch durch höhere Profite gerechtfertigt wird. Die Händler in London und New York müssen mehr als jemals zuvor zeigen, ob sie das viele Geld überhaupt wert sind, das sie als Gehalt bekommen.

Fast genauso wichtig ist eine andere Maßnahme: Einst hatte Josef Ackermann das Group Executive Committee geschaffen, ein Gremium unterhalb des Vorstands, das seither das Machtzentrum der Bank war. Damit ist es vorbei, das Gremium ist abgeschafft. Künftig sind alle vier Sparten der Bank wieder im Vorstand vertreten, und auch die Auflösung vieler Ausschüsse stellt sicher, dass alle zentralen Entscheidungen im Vorstand getroffen werden. Nach deutschem Aktienrecht soll der Vorstand ein Unternehmen führen und unterliegt als einziges Gremium auch der direkten Kontrolle durch den Aufsichtsrat – nun findet es auch bei der Deutschen Bank zur alten Stärke zurück. Es ist wieder klar, wer im Haus die Verantwortung trägt.

Wirklich umgesetzt wird das Ganze von Januar an, wenn drei der vier künftigen Spartenchefs in den Vorstand aufrücken. Das Group Executive Committee hatte die Bank aber schon am Dienstag von ihrer Website getilgt.