So ein Satz steht nicht in der aktuellen 17. Shell-Jugendstudie, aber so ein Satz beschreibt auch Jugend: "Ich mach den Mund auf, zähl meine Narben, meine Frisur stört mich unheimlich, meine Haut juckt." Julian Knoth, Sänger und Bassist der Band Die Nerven, rezitiert diese Zeilen mit kaltem Ekel, die Gitarren fuhrwerken nervös im Dunkel dahinter, bis die Spannung sich im Punkrockstakkato entlädt, die Stimme im Gebrüll hochfährt: "Alles ist verdreckt, vergiss die ganzen Pläne."

So intensiv hat schon lange keine deutsche Band mehr ihr Nichteinverstandensein mit sich und all dem Drumherum auf einen Tonträger gepresst. Mit dem neuen Album Out erreichen Die Nerven, die drei Twentysomethings aus dem Umland von Stuttgart, gerade Hype-Status. Die Kritik jubelt ob des Aufschreis aus der Provinz.

Der Punk-Donner der jungen Musiker kommt aber auch wie gerufen. Uns sind die Klagen der Poplinken noch im Ohr: Die aktuell erfolgreiche deutsche Popmusik ist zu einer Art offizieller Begleitmusik der Bundesrepublik verkommen, sie erschöpft sich in der kleinbürgerlichen Feier eines Wir-sind-wieder-wer-Gefühls. Alles herrlich unverkrampft und gartenpartyfreundlich. Doch dieses unreflektierte Bekenntnis zu Einheit und Identität, so die Argumentation des Poptheoretikers Frank Apunkt Schneider in seinem gerade erschienen Essayband Deutschpop halt’s Maul, sei der Grundstock für die Popkatastrophe, die Versöhnung mit der kulturellen Restauration.

Es ist an der Zeit, den Rock wieder mit Dissonanz zu befeuern. Es sind nicht nur die Nerven, die diese Gunst der Stunde nutzen – eine handverlesene Schar befreundeter junger Bands, alle punk-ästhetisch sozialisiert, die der Verwendung als identitärer Klangkitt im Wohlfühlkollektiv eine Absage erteilen. Sie heißen Trümmer, Messer, Candelilla und Human Abfall. Mit dem kumpeligen Indierock der jüngsten Generation der Hamburger Schule wollen sie ebenso wenig zu tun haben wie mit dem Dumpf-Punk von gestern. Von den gleichaltrigen Bands, die in den Jugendhäusern der Gegend spielten, seien sie richtig angepisst gewesen, "wir wussten, wir können das besser", sagt Julian Knoth. Es ist spät geworden gestern Nacht. Die Nerven hatten die Veröffentlichung des neuen Albums gefeiert und die komplette Platte noch einmal gehört – "in voller Lautstärke". Klingt müde, wie Julian Knoth das jetzt so erzählt. Das Bild, das er gerade beim Skype-Interview abgibt, könnte einer alten Rock-’n-’Roll-Doku entnommen sein – das zerzauselte Ich, das noch über die letzten Etappen der Verschwendung Auskunft gibt, im Angesicht der Mühen eines neuen Tages. Man möchte ihn mit Samthandschuhen anpacken in diesem Moment, wie er mit den Fragen ringt, die Hände in den Haaren und an der Schläfe.

Aber wenn Knoths Band eins nicht will, dann ist das in die Fallen des alten Rock’n’Roll und des jüngeren stromlinienförmigen Pop tappen. Knoth sagt: "Wir grenzen uns gerne ab, aber wir legen uns nicht gerne fest." Sollen wir die Band doch als intuitives Gesamtkunstwerk verstehen, aus dem die Widersprüche nur so heraustanzen dürfen. Haltung haben, aber nicht erläutern, Flagge zeigen, aber keinen Staat machen. "Ich verstehe auch oft nicht, was ich da schreibe", das ist Knoths Bekenntnis. Was er uns sagen will, sollen wir schon selber herausfinden. Bleibt die Grundformel aus dem Punk: Jetzt mal die Sachen raushauen. Einfach darum! Oder: "Gerade deswegen", wie ein Song auf Out heißt. "Gerade deswegen machst du die Tür zu und schließt die Augen."

Die Nerven fahren durch die Kriegsgebiete in ihren Köpfen und finden Zerstörung, Scherben, blutende Nasen. Auf Out entsteht ein Pandämonium der Paranoia, und es kommt ganz ohne ein übergeordnetes Wir aus. Identität findet sich, wenn überhaupt, nur in einer Form: im Urerlebnis der Musik. "Jeder Klang die Wahrheit, die Ruhe vor dem Sturm", singt Max Rieger im Song Wüste, und dann schleicht die Gitarre wie in einem The-Cure-Stück zu Grabe, 30 Sekunden lang, eine gefühlte Ewigkeit. Pause, Aufschrei: "Und wie man fliegt, hast du verlernt."

Die Ruhe, sie kommt erst gar nicht auf in den zehn neuen Songs. Sie reißen in der Mitte entzwei, in der Kluft wird schmerzlich spürbar, wenn die Sprache fehlt. Bis einer der Sänger wieder zu seinem Text findet und hechelnd ein paar Zeilen wie die Sau durchs Dorf treibt: "Jedes Wort ein Steinschlag, kein Weg führt daran vorbei." So düster die Panoramen hinter diesen Sätzen aufscheinen, so klar tritt in dieser Atemstillstandsmusik auch ein Glück hervor, das die Mehrheitsgesellschaft partout nicht verstehen will: das Glück der Entfremdung. In Sound gemeißelt fühlt sich das doppelt so gut an.

Gitarre, Bass und Schlagzeug erzählen so schön, wo’s wehtut. Wenn man sich schon dem Instrumentarium der Väter verpflichtet, dann bitte mit einem dialektischen Kniff: "Dass man die fetteste Rockband macht, die keine Rockband ist", sagt Julian Knoth. Die Texte von Die Nerven bleiben diffus, ihre Auftritte wortkarg, ihre Songs besitzen etwas Unantastbares. Die Aura der Rätselhaftigkeit, die die Band umgibt, könnte ihr größtes Pfund sein, sie erinnert an das große Geheimnis, das Rock einmal war.

Eine Gefahr lauert natürlich immer: Ob diese neue Musik nicht doch eher akustischer Seelenbalsam ist für eine alte Generation, die sich beim Bio-Abendbrot in der schon durchfinanzierten Altbauwohnung versichern darf, dass die Sache mit dem Punk nicht ganz umsonst war? Die Nerven tun zumindest viel dafür, so ein Versprechen auf eine Zukunft in der Ruhmeshalle der Dissidenz im geeigneten Moment wieder in den Wind zu schlagen: "Du siehst mich niemals wieder, merk dir mein Gesicht, denn wenn du denkst, ich sei es, dann bin ich’s sicher nicht."