So sieht Diplomatie am Rande der Nervenzerrüttung aus: Die Kanzlerin und ihr Außenminister fahren in jene Länder, die an der Großkrise in Nahost maßgeblich beteiligt sind. Die Kanzlerin besucht nach langer Abstinenz urplötzlich die Türkei. Der Außenminister bricht zu einer Reise in den Iran und nach Saudi-Arabien auf. Unter hohem Erwartungsdruck folgen sie dem Weg der Flüchtlinge in umgekehrte Richtung.

Außenpolitik aus innenpolitischer Not ist so wichtig geworden, weil Deutschland jetzt direkt von der desaströsen Nahostpolitik der vergangenen Jahre getroffen wird. Erst kam der amerikanische Einmarsch im Irak, dann die Einmischung der Iraner, der Saudis und der Türken in Syrien. Nun erleben wir die russische Militäroffensive in Syrien. Das Ergebnis der Interventionen: Hunderttausende Tote, zwei zerrüttete Länder und Millionen Flüchtlinge.

Die Kanzlerin besuchte am Sonntag Recep Tayyip Erdoğan in den osmanischen Palästen am Bosporus. Den Mann, der den "Islamischen Staat" gewähren ließ, weil er Syriens Diktator Assad in die Wüste schicken wollte. Den Mann, der im eigenen Land einen Krieg gegen die PKK vom Zaun gebrochen hat. Merkel hatte Erdoğan fast drei Jahre gemieden. In Istanbul bot sie ihm nun Geld für die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen an. Die Türken sollen leichter an Visa in den Schengen-Raum kommen, wenn Ankara ein Rückführungsabkommen mit der EU für Flüchtlinge anwendet. Auch die Beitrittsverhandlungen sollen auf einmal beschleunigt werden. Ein Paradox: Merkel hatte jahrelang in den EU-Verhandlungen mit Ankara gebremst, als die Türkei wie ein Vorbild für ihre Nachbarn aussah. Jetzt, da die Türkei noch nicht mal die Voraussetzungen für Verhandlungen erfüllt, soll es vorangehen. Im Kanzleramt ist der Wunsch spürbar, die Türkei heute heller zu sehen, als sie wirklich ist.

Im Drama der Gegenwart gibt es für die deutsche Außenpolitik keine Schönheitspreise zu gewinnen. Prinzipien rücken in den Hintergrund. Im Kampf gegen die IS-Dschihadisten liefern die Deutschen Waffen an die kurdischen Peschmerga. Fragen nach Menschenrechten tauchen nur am Rand auf, wenn man Erdoğan oder nahöstliche Potentaten besucht. Die Deutschen müssen nach Auswegen mit Politikern suchen, die die Misere oder gar die Massenflucht mitverschuldet haben.

Zum Beispiel im Gespräch mit einem Mann, der so etwas wie das lächelnde Gesicht der Islamischen Revolution ist. Mohammed Dschawad Sarif, iranischer Außenminister, saß auf einem Seminar der Münchner Sicherheitskonferenz in Teheran neben Frank-Walter Steinmeier. Der weißbärtige Iraner und sein deutscher Kollege kennen sich gut aus den Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Steinmeier kritisierte die russische Intervention in Syrien, sie störe mögliche Friedensgespräche. Prompt giftete Sarif los, er verstehe gar nicht, was der Westen gegen das russische Eingreifen habe. Die von Amerika geführte Koalition hätte den IS eben nicht richtig angegriffen, weil sie fürchtete, "Assad zu helfen". Ein Scharfschuss, dann wieder breitestes Lächeln.