Dieses Wiedersehen befremdet. Ich kenne Isabel seit 1990. Damals hatte sie mit anderen Leipziger Punks ein Abbruchhaus in Connewitz besetzt. Zukunftspläne? Vielleicht Friseuse, sagte sie, und, lieblich sächselnd: Ich bemüh mich, ’s Lähm zu schaffen, mehr eingtlich nich. Jetzt ist Isabel Steuerprüferin in Baden-Württemberg und schwäbelt anglisierten Unternehmer-Slang: Hier roundabout hunderttausend Schulden, und dort habe ’ne Immobilie net funktioniert, doch das sei daily business.

Noch mehr schockt Sven. Den sah ich zuletzt 1997, innig verliebt in Diana. In der späten DDR war er bei der NVA, nach der Wende Wachmann, ideologisch links, dann rechts, dann wieder links und bei der Bundeswehr. Man attestierte ihm soldatische Potenz. Diana lobte gattenstolz: Das geht runter wie Öl. Sie ließ das Brautkleid schneidern. Die Hochzeit fand statt, doch Sven verlor den Job, trank, drogte, und sein allerliebstes Mädchen ging. 2015 lebt Sven allein und arbeitslos in Nordrhein-Westfalen, ein tätowiertes Muskelgebirge im T-Shirt mit der Aufschrift FUROR TEUTONICUS. Bewerbungen scheiterten; Sven ist vorbestraft. Essen spendet die Tafel.

Sven und Isabel sind mir persönlich nie begegnet. Ich kenne sie aus den Leipzig-Filmen des Dokumentar-Regisseurs Andreas Voigt. Alles andere zeigt die Zeit, der sechste Streifen, eröffnete jetzt das 58. Internationale Leipziger Dokumentarfilm-Festival. Dank Rückblenden erschließt sich das neue Werk auch separat. Die vorigen Teile dieser epochalen Chronik sind jüngst als Doppel-DVD erschienen: sechs Stunden Suchtstoff Wirklichkeit.

Seinen Erstling drehte Voigt 1986. Alfred porträtiert einen unbotmäßigen Leipziger Altkommunisten, der eine Woche, nachdem er Voigt sein Leben erzählt hatte, starb. Leipzig im Herbst bewahrt die angst- und hoffnungsvollen Tage des 89er Volksaufstands. Kein Schuss fällt, aber die Mauer. Letztes Jahr Titanic erzählt vom Untergang der DDR. Der Staat verliert jegliche Autorität und das proletarische Leipzig seine Industrie. In Brachen wuchern militante Subkulturen. Die Jugend radikalisiert sich und bildet militante Lager. Ob man rechts oder links ist, hängt oft mehr vom Stadtteil ab als von der Individualität. Glaube, Liebe, Hoffnung, 1993 entstanden, zeigt eine hassbereite Generation. Etlichen Protagonisten begegnet man vier Jahre später erneut. Große weite Welt zeigt, wie es mit ihnen weiterging – selten gut.

Herr Voigt, viele dieser jungen Leute sind mir widerlich in ihrer Blödheit und Menschenverachtung.

Kann ich als Primärreflex verstehen, sagt Andreas Voigt.

Hat Sie der ostdeutsche Rechtsradikalismus nach dem Ende der antifaschistischen DDR überrascht?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 43 vom 22.10.2015.

Überrascht und getroffen, sagt Voigt. Aber jede unausgesprochene Wahrheit wird giftig, und in Umbruchzeiten geht es um die nackte Existenz. Die Gesellschaft wird fragil, die zivilisatorische Decke ist dünn, im Osten wie im Westen. In Wanne-Eickel oder Wuppertal höre ich in der Eckkneipe nach dem dritten Bier dieselben Sprüche wie in Cottbus und Dresden.

Wir reden in Westberlin, beim Italiener. Soeben sahen wir die finale Version von Alles übrige zeigt die Zeit. Der Film hat neben Isabel und Sven eine dritte Hauptperson. Renate, einst Journalistin der Leipziger Volkszeitung, offenbarte Voigt bereits drei Monate nach dem Mauerfall ihre Geschichte: jugendlicher Glaube an die DDR, Stasi-Anwerbung, Vergewaltigung durch den Führungsoffizier, Zusammenbruch – der Ideale und des Menschen. Dass Renates eigener Mann sie dem MfS zuführte, erfährt man von der Tochter. Renate hat sich im Jahr 2001 das Leben genommen.