Kurz nach neun Uhr am Morgen, es folgt das erste Komponistengespräch in Donaueschingen. Das ist neu, früher redeten die Künstler bei den Musiktagen öffentlich kaum. Ihre Intentionen legten sie lieber in entrückten Programmbuchessays dar. Die gibt es noch, doch der Furor auf Papier nimmt deutlich ab. Für den mündlichen Austausch muss der neue Leiter der Musiktage aber erst einmal das Hintergrundgedudel in der Alten Donaueschinger Hofbibliothek dimmen. Freundliche Ansprache, Blinzeln, leicht verklausulierte Maximalansage: "Ganz aus wäre gut", sagt Björn Gottstein. Dann ist Ruhe. Aus der Küche nur noch Besteckgeklapper. "Genau", sagt Gottstein. Er sagt das als strukturierter Mensch gern und oft. Genau. Die Feststellung ist so etwas wie eine kleine rhetorische Rückversicherung, dass es so weit geklappt hat mit dem jeweiligen Vorhaben oder Gesagten. Es ist aber auch eine größere Generalpause, die Möglichkeiten offenlässt: Alles könnte von jetzt an auch ein bisschen anders weitergehen, warum nicht?

An Neuigkeiten in Sachen Musik sind sie seit Festivalgründung der Musiktage 1921 natürlich gewohnt hier. Andererseits kann man sich auch in der Avantgarde ganz kommod einrichten, und die letzten beiden Leiter amtierten zusammen 40 Jahre, was von Natur aus Kontinuitäten schafft: Josef Häusler, ein frankophiler Abendlandpfleger vor dem Herrn, von 1975 bis 1992, hernach Armin Köhler bis letzten November, als er an Krebs starb. Björn Gottstein, Jahrgang 1969, war Köhlers Wunschnachfolger, und Köhler hätte die Dinge gern in aller Ruhe transformiert. Dann aber kam seine Krankheit, und trotzdem meint man auch in diesem Herbst, seinen klugen Kopf und sein menschenfreundliches Wesen, immer im Einklang mit den wehenden Tweed-Rockschößen, grad wieder um eine Donauhallenecke biegen zu sehen: auf dem Sprung, kämpferisch, offenherzig. Etliche Besucher der Donaueschinger Musiktage waren Anfang der Neunziger gar nicht so sicher, ob man diesem Dresdner Personalimport – hatte der überhaupt genug gehört? Er hatte! – so ohne Weiteres über den Weg trauen konnte. Tatsächlich aber hätte den Musiktagen nichts Besseres passieren können als Köhlers Leitung. Findig öffnete er das Festival übers pure Fachpublikum hinaus, setzte Installationen für alle in den Schlosspark, band die Kapellen vor Ort ein und zog Massen von jungen Leuten an. Next Generation. So auch Björn Gottstein.

Als Gottstein 1999 das erste Mal hier war – als Hörer und in seiner damaligen Eigenschaft als Kritiker der taz –, hatte sein Vorgänger endgültig zu seiner Handschrift gefunden. Die Musiktage waren, wie Gottstein sagt, "durchgeköhlert", und er selbst "total geflasht davon, wie umtriebig und aufgeregt die Uraufführungen verhandelt wurden. Das kannte ich so nicht von Neuer Musik."

Man war daheim, aber doch nicht zu Hause, denn Donaueschingen, so sieht es Gottstein im Nachhinein, hat ja auch immer etwas Exterritoriales. Genau das will er erhalten, insbesondere "Köhlers Ecken und Kanten", selbst wenn auf einmal vieles nach Abschied klingt. Köhler ist tot, und auch das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg spielt, weil es mit dem RSO Stuttgart fusioniert wird, in eigenständiger Form zum letzten Mal hier.

Moments musicaux. Wann und wie stark ihn die Neue Musik zum ersten Mal angeweht hat, weiß Gottstein genau. Zwar wurde in seinem Aachener Elternhaus von der Schallplatte schon mal Chopin gespielt, ein Musiktempel aber war das nicht. Als Gottsteins für ein paar Jahre in die USA zogen, fand sich der halbwüchsige Sohn in Boston in einem Konzert von George Crumb wieder: Vox balanae, eine kleine kammermusikalische Studie über Wale und ihre Gesänge. Drei Musiker in Masken, damals ein Tick von Crumb. "Das war", sagt Gottstein auf seine gleichzeitig unaufgeregte, aber immer auch ein bisschen fiebrige Art, "ein Erweckungserlebnis." Er dachte: "Wo kommt denn so was her?" Und dann begann er beim zaghaften Komponieren und später entschiedenen Studium der Musikwissenschaft in Köln die Grundlagen der (Neuen) Musik zu entdecken, wozu für ihn gehört, dass man ad infinitum denken muss: von Strawinsky über Sonic Youth und immer weiter.

Neben dem Amt des relativ ungegängelt arbeitenden Kritikers hat Gottstein zum Beispiel auch ein Berliner Festival zu "Musik und Armut" kuratiert, und diese Erfahrung ist ihm für Donaueschingen ebenso wie für seinen Hauptjob als Redakteur beim SWR in Stuttgart, den er seit zwei Jahren innehat, immens wichtig: dass er die andere Seite kennt, Produzent gewesen ist. Man muss da mehr können als gescheit mäkeln, sagt Gottstein, wenngleich er auf eine Art und Weise über Musik schreiben konnte und kann, die ohnehin absolut vermittelnd ist. Fan im Wortsinn ist er geblieben.