Andreas Kossert schrieb ein Standardwerk zum Thema Vertriebene. Dabei vertrat er in dem 2008 erschienenen Buch Kalte Heimat alles andere als die Standardthese: Hieß es bis dahin, die Integration der Menschen aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern, dem Sudetenland und anderen einst deutschen Gebieten in die Bundesrepublik sei vorbildlich, so zeigte der Historiker, wie viel Feindseligkeit den Fremden entgegenschlug. Äußerlich passten sie sich an und hatten teil am Wohlstand, eine innere Unbehaustheit blieb über Generationen hinweg. Kossert freut sich, als wir ihn für ein ausführliches Interview anfragen. Die Frage, was man aus der Migrationserfahrung der Nachkriegszeit für heute lernen könne, werde viel zu selten ernsthaft gestellt.

Frage: Wie nennen Sie Menschen, die aus Syrien, Afghanistan oder dem Kosovo zu uns kommen: Flüchtlinge oder Vertriebene?

Andreas Kossert: Sowohl als auch. Flüchtlinge und Vertriebene sind Menschen, die ihre Heimat im Kontext von Krieg und Gewalt verlassen mussten. Wenn das zutrifft, sind es Flüchtlinge oder Vertriebene.

Frage: Der CSU-Politiker Joachim Herrmann sagte in einer Fernsehtalkshow, es sei eine Beleidigung für die Vertriebenen von damals, wenn man die Flüchtlinge von heute auch so bezeichne …

Kossert: Warum sollte das eine Beleidigung sein? Es stimmt doch, dass Menschen immer schon aus religiösen oder ethnischen Motiven vertrieben wurden. Deutsche Vertriebene haben kein Monopol auf diesen Begriff. Man sollte nur vorsichtig sein mit voreiligen Vergleichen, weil die Kontexte völlig unterschiedlich sind. Doch kann die deutsche Erfahrung von Flucht und Vertreibung nach 1945 vielleicht auch ein Schlüssel für Empathie sein.

Frage: "Wir schaffen das", sagte Angela Merkel. Wie hat es Deutschland in der Nachkriegszeit mit zwölf Millionen Vertriebenen geschafft?

Erschienen in Christ & Welt

Kossert: Gelungen ist vor allem eine wirtschaftliche Integration in die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Das sagt aber nichts über das mentale Ankommen aus. Viele Flüchtlinge fühlten sich auch noch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht "zu Hause". Deutlich wird, Integration ist ein langer Prozess. Die materiellen Probleme waren vergleichsweise schnell überwunden, aber die mentalen Spuren von Heimatverlust und Vertreibung blieben teilweise über Generationen sichtbar. Deshalb ist es wichtig, sich klarzumachen, was es früher, aber auch heute bedeutet, eine Heimat zu verlieren. Diese Erfahrung war in Deutschland für Millionen Menschen eine kollektive, von der aber viel zu selten die Rede ist. Die Deutschen haben eine andere Beziehung zu den Themen Flucht und Vertreibung als etwa Briten oder Franzosen.

Frage: Wie zeigt sich das konkret?

Kossert: Flüchtlingstrecks wecken kollektive Erinnerungen. Denken Sie an den Jugoslawienkrieg: Dass ausgerechnet ein grüner Außenminister wie Joschka Fischer für die Beteiligung an diesem Krieg war, hat auch mit den damaligen Bildern von Vertriebenen zu tun. Mit den Vertreibungen und Massakern im ehemaligen Jugoslawien wurde es in den 1990er-Jahren erst möglich, neu und anders über das Thema zu sprechen. Lange Zeit stand die Erinnerung an Vertreibung unter dem Verdacht des Revanchismus. Jetzt aber können wir darüber sprechen, was Heimatverlust für Individuen, aber auch Gesellschaften bedeutet.

Frage: Was bedeutet es, die Heimat zu verlieren?

Kossert: Einerseits der Verlust selbst und andererseits oftmals auch die Kälte der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft. Viele Vertriebene haben sich nach ihrer Ankunft lange wie in einer Parallelwelt gefühlt. Sie mussten nach außen funktionieren, sie mussten sich anpassen und anpacken. Aber hinter verschlossenen Türen wurde um die verlorene Heimat getrauert. Dafür hat sich die Gesamtgesellschaft nicht interessiert.