Bei voraussichtlich mehr als einer Million Asylbewerbern in diesem Jahr muss ehrlich ausgesprochen werden: Wir werden nicht alle Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren können. Sondern nur die, die eine ausreichende Qualifikation mitbringen. Auch deshalb müssen wir klarere Trennlinien zwischen "echten" Flüchtlingen, zum Beispiel denen aus Syrien, und Wirtschaftsmigranten ziehen. Die kürzlich eingeführten Grenzkontrollen sind eine Notbremse, mehr nicht. Wir müssen darüber hinaus – ganz sachlich – über die Aufnahme- und Integrationsfähigkeit unseres Landes sprechen. Etwa in einem Integrationsrat, der jenseits der tagesaktuellen Hektik langfristige Lösungen sucht. Nur so schaffen wir das.

Deutschland hat die Verpflichtung, politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Und Deutschland hat einen Bedarf an Arbeitskräften. Mit Flüchtlingen allein werden wir aber die demografische Lücke nicht schließen können, die uns nach dem Ausscheiden von Millionen Fachkräften in den nächsten Jahren erwartet. Schon heute ist der Anteil von niedrig qualifizierten Migranten unter Arbeitslosen und vor allem unter Langzeitarbeitslosen überproportional hoch. Schwächere Deutschkenntnisse sind dabei nicht die einzige Barriere. In gewachsenen Parallelwelten ist der Integrationswille mancher schon lange hier lebender Migranten zu gering ausgeprägt. Hier darf die Politik nicht die Fehlsteuerungen der letzten Jahrzehnte wiederholen.

Großzügigere Einwanderungsregeln für qualifizierte Fachkräfte müssen mit konsequenteren Maßnahmen gegen Asylbewerber gekoppelt werden, die nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen, sondern vor wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit. Das muss nicht heißen, dass die Qualifizierten unter ihnen generell abgelehnt werden. Hohe Hürden gegen Missbrauch des Asylsystems und Offenheit gegenüber ausgebildeten Menschen schließen einander nicht aus. Das beweisen Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien.

Die große Koalition muss ihre Mehrheit (gemeinsam mit realistischen Grünen) einsetzen, um Asylverfahren und Abschiebungen zu beschleunigen. Ansonsten droht Bürgerkriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten, die in Deutschland ankommen, eine humanitäre Katastrophe.

Alle Asylbewerber sollten von Beginn an Deutsch- und Integrationskurse besuchen können. Monatelange Wartezeiten sind indiskutabel. Finanzielle Anreize für Asylbewerber müssen auf den Prüfstand. Dass seit dem 1. März so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hängt auch mit der deutlichen Leistungserhöhung zu diesem Termin zusammen, die das Bundesverfassungsgericht verlangt hatte. Für erwachsene Asylbewerber stieg die Summe von 224,97 auf 349 Euro, die darin enthaltene Barauszahlung gar von 40,90 auf 143 Euro. Prompt beantragten 14-mal mehr Kosovaren und fast fünfmal mehr Albaner in der ersten Jahreshälfte Asyl als ein Jahr zuvor. Rund 45 Prozent aller Asylbewerber seit Jahresbeginn kommen vom Westbalkan. Die Ablehnungsquote liegt bei fast hundert Prozent. Bundestag und Bundesrat haben hier wichtige Korrekturen vorgenommen, im Moment sind die Zahlen rückläufig. Doch wenn das nicht reichen sollte, muss nachgesteuert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Wir müssen die aktuelle Asyldebatte von einer langfristigen Zuwanderungsstrategie entkoppeln und eine gezielte Anwerbepolitik für Fachkräfte entwickeln. Für Einwanderer, die in den Arbeitsmarkt integriert werden können, müssen die komplizierten Regeln des Aufenthaltsrechts entschlackt und die Einkommensschwellen gesenkt werden. Wir brauchen Erleichterungen nicht nur für Akademiker, sondern auch für Fachkräfte in Industrie und Handwerk. Es ist realitätsfern, von IT-Fachleuten immer Diplome zu verlangen. Auch die Vorrangprüfung für Einheimische bei der Arbeitsplatzvergabe gehört vereinfacht.

Unser Land ist eines der beliebtesten der Welt. Mit diesem Pfund müssen wir wuchern. Deutschland kann seinen Wohlstand nur halten, wenn wir mehr qualifizierte Einwanderer gewinnen.