Die europäische Rechte will keine Revision, sondern Revolution

Und während die Last der Historie sich hebt, glauben die Asyl- und EU-Gegner in Europa, nun endlich Geschichte machen zu können; wohin sie auch blicken – es wachsen die Kräfte des Autoritären, der Ausgrenzung, des Zynismus. In Frankreich Le Pen, in Holland Geert Wilders, in der Schweiz die SVP, in Österreich die FPÖ, in Ungarn Viktor Orbán. Und dann ist da noch der große Bruder in Moskau. Es fühlt sich überall gut an, extrem zu sein. Man muss auf die Mitte im eigenen Land keine Rücksicht mehr nehmen, die neue rechte Internationale gibt Kraft und Rückhalt. Nein, die europäische Rechte will keine Revision der Geschichte mehr, sie will Revolution.

Zugleich gerät die politische Mitte, jedenfalls, was die Parteien angeht, auf dem gesamten Kontinent ins Schlingern. In Griechenland wurde die traditionelle Sozialdemokratie durch Syriza quasi ausgelöscht. Ähnliches kann auch den spanischen Sozialdemokraten alsbald mit Podemos passieren. In Deutschland macht die Kanzlerin seit Jahren eine Politik, hinter der sich SPD und Grüne weiter besser versammeln können als die breite konservative Mitte der CDU (geschweige denn die CSU). Schwarz verwaist. In Großbritannien, wo die beiden großen Parteien durch ein Mehrheitswahlrecht eigentlich ganz gut geschützt sind, betreibt der Premier mehr und mehr die Politik der europafeindlichen Ukip, während Labour sich radikalisiert in Richtung der linken Syriza und Podemos. Sagen wir es mal so: Man hätte sich bessere Gelegenheiten gewünscht für eine fundamentale Umgestaltung des europäischen Parteiensystems.

So greift eins ins andere: Pragmatisierung, Personalisierung, Sublimierung funktionieren nicht richtig – hingegen historisch bedingte Dekontamination der Extreme, Enthemmung durch das Internet, Bestärkung der Radikalen durch die Autoritären aller Länder umso besser.

Unter dem gewaltigen Druck der Flüchtlingskrise treten all diese Phänomene überdeutlich hervor. Sie treffen uns unvorbereitet.

Worin wiederum eine gute und eine schlechte Nachricht enthalten sind. Die schlechte: Die zivile, weltoffene, Maß haltende Mitte hat noch kein Rezept gegen die wachsende Wut. Die gute: Der Lernprozess hat soeben erst begonnen. Zwei, drei probate Reaktionen werden gerade gelernt. Es hat keinen Zweck, auf Hass mit Hass zu antworten, man darf sich auch durch Gewalttaten und Tabubrüche nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das hat am Sonntag Justizminister Heiko Maas in der Jauch-Talkshow mit dem rechtsradikalen Höcke vorgeführt, während der Moderator Jauch allenfalls als Beispiel dafür diente, dass Passivität zu wenig ist.

Unerschütterliche Geduld gehört ebenso zu den Tugenden der Stunde. Nichts wird schnell gelingen, vieles ist zu schaffen, wenn man in Jahren und Jahrzehnten denkt. Geduld soll hier auch nicht heißen, alles ewig und in jeder beliebigen Höhe zu erdulden. Irgendwann im nächsten Jahr muss die Politik wieder mehr Kontrolle über die Flüchtlingsbewegungen bekommen.

Die wahren Helden dieser Woche des Hasses sind jedoch die Bürgermeister der dreißig größten deutschen Städte. Sie wurden von Spiegel Online eingehend nach ihren Problemen mit den Flüchtlingen befragt, das Ergebnis ist verblüffend: Nur drei von dreißig Metropolen halten sich für "überfordert". Aber nicht einmal die wollen in "Wehklagen" ausbrechen, wie es aus dem Stuttgarter Rathaus heißt. "Wir brauchen Geduld und Willen", antwortet Wuppertal.

Und Deutschland braucht mehr Wuppertal.