Als Frosti Sigurjonsson anfing, über Geld nachzudenken, fiel er vom Stuhl. Nicht im übertragenen Sinn – er ist tatsächlich vor Aufregung umgekippt. So erzählt es Frosti an einem sonnigen Nachmittag in seinem Büro in Reykjavík. Frosti Sigurjonsson ist ein erfolgreicher Unternehmer und Abgeordneter im isländischen Parlament. Das macht ihn zu so etwas wie einer historischen Figur, denn das isländische Parlament ist das ältesten Parlament der Welt. Seit mehr als tausend Jahren schon treffen sich die Bewohner der Insel im Nordatlantik an diesem Ort, um ihre Angelegenheiten zu regeln.

Man könnte also sagen, dass die Isländer den Parlamentarismus erfunden haben. Und wenn es nach Frosti geht, dann erfinden sie nun auch den Kapitalismus neu. Er will gewissermaßen das Fundament wegsprengen, auf dem das westliche Wirtschaftssystem ruht: Er will anderes Geld.

Seit Ausbruch der Finanzkrise ist viel unternommen worden, um die Weltwirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Die Banken werden heute strenger kontrolliert als früher, die Börsen praktisch rund um die Uhr überwacht, die Notenbanken haben ihre Schleusen weit geöffnet. Trotzdem lässt das Wachstum schon wieder nach – und in Frankfurt, bei der Europäischen Zentralbank, werden schon die nächsten milliardenschweren Hilfsprogramme für die Krisenländer vorbereitet.

Frosti wundert das überhaupt nicht. Aus seiner Sicht hat es einfach niemand gewagt, zum Kern des Problems vorzudringen: dem Geld. Denn für Frosti ist die Welt aus den Fugen geraten, weil die Kontrolle über das Geldwesen verloren ging.

Tatsächlich ist das Geld so etwas wie der blinde Fleck des Kapitalismus. Jeder weiß, was man damit anfangen kann, zum Beispiel Rechnungen begleichen. Aber selbst erfahrene Ökonomen tun sich schwer, wenn sie beschreiben sollen, was Geld seinem Wesen nach ist und wie es in die Welt kommt. Diese Leerstelle zieht seit je Verschwörungstheoretiker wie magisch an. Sie sehen geheime Mächte am Werk und hoffen auf nicht weniger als die Erlösung der Menschheit durch die große Geldrevolution.

Frosti ist kein Verschwörungstheoretiker. Er gehört zum Establishment. Im Frühjahr wurde er vom isländischen Premierminister höchstpersönlich beauftragt herauszufinden, warum die Finanzkrise das Land so schwer getroffen hat. Er hat sich also an seinen Schreibtisch gesetzt und sich etwas ausgedacht. Es ist seine Methode. Er arbeitet immer so. Als Frosti einmal Schwierigkeiten hatte, im Internet einen günstigen Flug von Reykjavík nach Norwegen zu finden, entwickelte er eine Suchmaschine für Billigflüge, die heute zu den Marktführern gehört. Und als er im Netz erfolglos nach den passenden Grafiken für eine Präsentation suchte, gründete er einen Informationsdienst zur Visualisierung von Daten. Diesmal steht am Ende seiner Recherchen kein neues Unternehmen, sondern ein 100-seitiger Bericht, der die Finanzwelt elektrisiert. Die Financial Times berichtet darüber, das Wall Street Journal – und Frostis Telefon steht seither nicht mehr still.

Um zu verstehen, warum, muss man sich kurz mit der Geschichte des Geldes befassen. Die Menschen nutzen es seit Jahrtausenden, doch in früheren Zeiten war der Wert des Geldes in der Regel abgesichert – etwa durch Gold, das in den Tresoren der Zentralbanken lagerte. Dort lagert es zwar immer noch, aber längst gibt es viel mehr Geld als Gold auf der Welt.

Trotzdem gelten Notenbankchefs wie Mario Draghi oder Janet Yellen als allmächtige Figuren in Sachen Geld. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ihnen nicht vorgeworfen würde, zu viel oder zu wenig davon in die Wirtschaft zu pumpen. Dabei hat die Zentralbank mit einem großen Teil der Geldschöpfung kaum etwas zu tun. Das liegt daran, dass rund 90 Prozent des in Europa umlaufenden Geldes heutzutage in elektronischer Form auf den Konten der Banken existieren und nie bar ausbezahlt werden.