Palästinensische Jungen auf den Ruinen eines Hauses in Gaza © reuters

In einem Interview, das Habermas vor einiger Zeit der israelischen Tageszeitung Ha’aretz gab, wurde er nach seiner Meinung zur israelischen Politik gefragt. Er antwortete, dass zwar "die gegenwärtige Lage und die Vorgehensweisen der israelischen Regierung" eine "politische Bewertung" erforderten, diese aber nicht "Aufgabe eines privaten deutschen Bürgers meiner Generation" sei.

Dass deutsche Intellektuelle so ungern über Israel sprechen, ist natürlich verständlich. Offensichtlich spricht Habermas’ Schweigen für zahllose andere Intellektuelle, auch Vertreter jüngerer Generationen. Und doch ist das Problem mit dieser Antwort und der Haltung, für die sie steht, dass Habermas in Wirklichkeit nur schwerlich als ein deutscher Privatbürger zu bezeichnen sein dürfte. Wenn sich der öffentliche Intellektuelle schlechthin in die Privatsphäre flüchtet; wenn sich der Begründer der Philosophie der Diskursethik weigert, etwas zu sagen, dann hat das theoretische und politische Konsequenzen. Schweigen ist hier selbst ein Sprechakt, und zwar ein überaus öffentlicher.

Um die Bedeutung dieses Schweigens zu verstehen, müssen wir uns auf Kants Begriff der Aufklärung zurückbesinnen. Bekanntlich definiert Kant die Aufklärung als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit": als einen Prozess des Erwachsenwerdens, der darin besteht, den "Mut" zu finden, sich seines "eigenen Verstandes zu bedienen". Entgegen dem Anschein ist der "Selbstdenkende" aber beileibe nicht in einem privaten Monolog begriffen. Im Gegenteil, Kant legt großen Wert darauf, dass einem solches Selbstdenken nur durch "den öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft" möglich wird, und zwar auf mindestens zwei miteinander zusammenhängende Weisen: Um selbst zu denken, muss man erstens versuchen, über die Perspektive seiner eigenen privaten Bindungen hinauszugehen und aus der kosmopolitischen "Stelle jedes andern" urteilen. Und zweitens können wir nur selbst denken, wenn wir es laut tun. Wir würden nicht sehr "viel" und nicht mit großer "Richtigkeit" denken, sagt Kant, wenn wir nicht "gleichsam in Gemeinschaft mit andern, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen, dächten". Adorno bringt diese Vorstellung auf den Punkt, wenn er schreibt, Aufklärung bestehe darin, "jenes fatale 'als'" zurückzuweisen, jenes bedenkliche Wort, dem wir begegnen, "wenn etwa Menschen in Diskussionen sagen: 'ich als Deutscher kann das und das nicht akzeptieren', oder: 'ich als Christ muß mich in dieser Sache so und so verhalten'".

Kritik zu verweigern bedeutet, die Aufklärung zu vergessen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Es folgt daraus: Ein Deutscher, der sich weigert, das israelische Verhalten zu kommentieren, weigert sich, den Standpunkt der Aufklärung einzunehmen, sobald er sich mit jüdischen Angelegenheiten befasst. Das ist eine Position, die die meisten deutschen Intellektuellen anscheinend gerne vermeiden würden. Schließlich stand das aufklärerische Denken seit seinen frühesten Anfängen unter dem Unstern seines Verhältnisses zum Antisemitismus, vor allem, weil es versucht war, Juden als sein mythisches "Anderes" zu behandeln. Deshalb läuft die Unterdrückung öffentlicher Kritik am jüdischen Staat Gefahr, in eine bekannte Falle zu gehen. Die Aufgabe der deutschen Intellektuellen besteht wegen – und nicht trotz – der deutschen Geschichte darin, Israel zum Gegenstand der öffentlichen rationalen Diskussion zu machen. Sie besteht gerade nicht darin, es in metaphysische Sphären auszulagern, von denen man nicht sprechen kann und über die man folglich schweigen muss. Tatsächlich wird dies nirgendwo deutlicher als in Habermas’ Philosophie selbst. Habermas entwickelte die Diskursethik in einer heroischen intellektuellen Anstrengung, um das aufklärerische Denken aus den Ruinen des "Dritten Reiches" zu bergen – um in Reaktion auf Heideggers allgegenwärtige Vorstellungen von privater Authentizität Kants Ideal des öffentlichen Räsonierens zu retten. Dieses Projekt wird nicht vollendet werden können, wenn die deutschen Intellektuellen nicht den Mut finden, Israel zu kritisieren. Aus historischer Sicht stellt sich dies als ultimativer Test für das aufklärerische Denken selbst dar.

Betrachten wir nun den Fall von Günter Grass’ Was gesagt werden muss. "Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes", schrieb er in seinem berüchtigten Gedicht, "dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, / empfinde ich als belastende Lüge / und Zwang". Und er fuhr fort: "Jetzt aber, weil aus meinem Land, / das von ureigenen Verbrechen, / die ohne Vergleich sind, / Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, / [...] / ein weiteres U-Boot nach Israel / geliefert werden soll, [...] / sage ich, was gesagt werden muß."

Überlasst die Diskussion nicht den Schreihälsen

Im Interview nach Grass gefragt, antwortete Habermas, es gebe keine "plausible Entschuldigung" für ein solches Verhalten. "Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass Günter Grass kein Antisemit ist", betont Habermas, "aber es gibt Dinge, die Deutsche unserer Generation nicht sagen sollten." Damit machte er es Grass zu einfach. Trotz seines Titels sagte das Gedicht wenig über Israel. Besorgniserregend an Grass’ Intervention war nicht ihr Inhalt, sondern ihre Form: Das Gedicht beklagte ein Schweigen, bot aber nichts, was dieses Schweigen brechen könnte. Grass verurteilte die Selbstzensur derer, die befürchten, als Antisemiten bezeichnet zu werden, hatte aber nicht den Mut, den jüdischen Staat mit den Mitteln einer normalen Diskussion zu thematisieren. Wäre dieses Gedicht ein großes Kunstwerk geworden, vielleicht hätte es zum öffentlichen Nachdenken beitragen können. Aber Was gesagt werden muss war nicht Grass’ bedeutendste literarische Leistung. Das Ergebnis war als Kritik an Israel und dem Verhältnis Deutschlands zu ihm völlig unbrauchbar, verbreitete aber mächtig Ressentiments. Habermas’ Schweigen über Israel ist nicht nur kritischer, sondern auch poetischer.

Unter den gegenwärtigen Umständen aber ist der Preis des Schweigens zu hoch. Angesichts von 48 Jahren militärischer Besatzung, achtjähriger Blockade des Gazastreifens und einer Regierung Netanjahu, die alles tut, um solche Verbrechen zu vertiefen, machen sich deutsche Intellektuelle, die sich weigern, das Wort zu ergreifen, de facto verschiedene Prämissen zu eigen, die sie in ihrem eigenen Interesse entschieden abstreiten sollten. Zum Beispiel die, dass ihre Geschichte als Deutsche sie den – vom Staate Israel repräsentierten – Juden gegenüber verpflichtet und nicht dem universalen Humanismus. Die vernünftige Erwiderung ist, dass die Deutschen beidem verpflichtet sind. Dieser Überzeugung jedoch kann man sich nur anschließen, wenn man Israels massive Verletzungen des Völkerrechts verurteilt und zugleich darauf besteht, dass man damit dem Humanismus und den Juden dient. Dies nicht laut zu tun, während die israelischen Vorgehensweisen sich selbst überbieten und Europa an der Unterscheidung von Antisemitismus und Israelkritik irre wird, würde den Holocaust als politisch bedeutsame Vergangenheit konterkarieren.

Letztes Jahr prüfte und verwarf die Studentenvertretung einer Londoner Universität den Vorschlag eines Holocaustgedenkens mit dem Argument, ein solches Gedenken sei zu "eurozentrisch" und "kolonialistisch". Berichten zufolge hatte ein jüngerer Student, der Nachkomme eines Wehrmachtsoffiziers, den Vorstoß unternommen und ihn auch als Einziger unterstützt – die Abstimmung über seinen Vorschlag ging 60 : 1 aus. Es ist kaum zu bezweifeln, dass dieses Resultat in Denkverweigerung und Antisemitismus gründet, doch wäre es kurzsichtig, es darauf zu reduzieren. In Tagen, in denen die israelische Regierung ständig die jüdische Geschichte missbraucht, um die öffentliche Meinung zu manipulieren; in Tagen, in denen die Verträge von Oslo unter der Siedlungspolitik begraben werden, aber Elie Wiesel den Vorsitz der mächtigsten Siedlerorganisation in Jerusalem führen kann, begehen jene, die sich dem Holocaustgedenken verweigern, weil dies zu "kolonialistisch" sei, zwar einen gefährlichen Fehler. Sie sind aber keinesfalls bloß irrational oder antisemitisch.

Die deutschen Intellektuellen sollten sich bemühen, diesen Fehler zu korrigieren. Es ist aber nicht möglich, sich in diese öffentliche Diskussion einzubringen, ohne zugleich zu den Bombenangriffen auf Gaza, der Nakba oder dem erneuten Einsatz von Methoden der militärischen Besatzung gegen die israelisch-arabische Bevölkerung Jerusalems Stellung zu beziehen. Wer Israel nicht kritisieren will, um seiner deutschen Vergangenheit gerecht zu werden, kann dann aus demselben Grund nicht gegen jene argumentieren, die sich dem Holocaustgedenken verweigern, weil sie ihrer Verpflichtung auf universale Menschenrechte gerecht werden wollen. Kurzum: Das Schweigen konterkariert sich selbst.

Überlasst die Diskussion nicht den Schreihälsen

1964 erhielt Hannah Arendt Hans Magnus Enzensbergers Politik und Verbrechen zugeschickt. Sie las das Buch "mit ausgesprochenem Vergnügen", wandte sich aber entschieden gegen Enzensbergers These, Auschwitz habe "die Wurzeln aller bisherigen Politik bloßgelegt". So etwas zu behaupten, protestierte sie, "das ist wie: das ganze Menschengeschlecht ist schuldig. Und wo alle schuldig sind, hat keiner Schuld. [...] Wenn ein Deutscher das schreibt, ist es bedenklich." Enzensbergers Antwort verdient Aufmerksamkeit. Er hält fest: "Die Deutschen und nur die Deutschen sind an Auschwitz schuld." Arendts "argumentum ad nationem" aber weist er zurück. Ein Satz könne nicht "bedenklicher werden, als er ohnedies ist, dadurch dass ihn ein Deutscher [...] geschrieben hat", findet er. "Er ist bedenklich, oder er ist es nicht." In einer Passage, die Habermasianern zusagen dürfte, erklärt er, Arendts Argument betreffe "nicht das Gespräch selber, sondern seine Voraussetzungen". Denn ohne ein "Minimum an Vertrauen ist kein Dialog möglich. Vertrauen aber ist etwas, was nur geschenkt werden kann. Das argumentum ad nationem nimmt dieses Geschenk zurück und macht das Zwiegespräch zum Monolog."

Es fällt schwer, sich einen kühneren Ausdruck von "Mündigkeit" in dem strengen Sinn vorzustellen, den Kant der Beantwortung der Frage Was ist Aufklärung? gibt. Enzensberger hält an seinen privaten historischen Verpflichtungen fest; nicht mal diese aber ließe er als Schritt in einem argumentum ad nationem gelten, das das öffentliche Selbstdenken untergrübe. Wenn Enzensbergers Position voreilig erscheint – in gewisser Weise ist es –, dann deshalb, weil in diesem Kontext Aufklärung an sich nicht zu schnell vorausgesetzt werden darf. Das Problem mit Enzensbergers Antwort an Arendt ist das Problem mit der Aufklärung selbst, nämlich dass Vertrauen nur geschenkt werden kann. Wenn wir zumeist ein Minimum an Vertrauen entgegenbringen und im Gegenzug auch erwarten, dann tun wir dies, weil wir zumeist Vertrauen in die Welt haben. Im speziellen Verhältnis zwischen Deutschen und Juden ist es dieses für eine vernünftige Diskussion unerlässliche Vertrauen, das entzogen wurde. Habermas’ Schweigen über Israel zeigt, dass er sich weigert, das aufklärerische Denken naiv vorauszusetzen.

Sofern aber aufgeklärtes Denken als politische Antwort auf Deutschlands Vergangenheit und als Kompass für seine Rolle in der Gegenwart dienen kann, werden die deutschen Intellektuellen auch dann über Israel sprechen müssen, wenn eine Vertrauensbasis nicht gesichert ist. Die Alternative überlässt die Diskussion dem gefährlichen Schreiduell zwischen Israelhassern und Israelliebhabern. Die deutschen Intellektuellen der habermasischen und der jüngeren Generationen werden sich ein Herz nehmen und den Mund aufmachen müssen.

Aus dem Englischen von Michael Adrian