Ein Hochhaus in Sydney. Es sind die Jahre nach 9/11, als die Welt in einen neuen Aggregatzustand überging. In einem der unteren Apartments wohnt, vereinsamt und ein bisschen verwahrlost, ein alter südafrikanischer Schriftsteller, den man früher vermutlich als "kritischen Intellektuellen" bezeichnet hätte (eine Art karikierendes Selbstporträt des Autors John M. Coetzee, wie es scheint). In einem der oberen Stockwerke teilt ein intelligenter und zynischer Investmentbanker seine luxuriöse Wohnung mit einer attraktiven philippinischen Geliebten. Eines Tages spricht der alte Mann die Freundin des Investmentbankers im Park an.

Ein Thriller könnte so beginnen. Aber die Handlung, wenn man im Fall von Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres überhaupt von einer reden will, besteht in nichts Spannenderem, als dass die schöne Anya für den alten Schriftsteller, (den sie Señior C. nennt) in den nächsten Wochen ein essayistisches Manuskript über die aktuelle Weltlage tippt. C. hegt erotische Fantasien über sie – und sie Fantasien über seine Fantasien über sie. Mit der Zeit beginnt Anya, mit Señior C. über seine Texte zu diskutieren, und entwickelt dabei eine eigene, weltkluge Sicht auf die verhandelten Themen. Alan, ihr Investmentbanker-Boyfriend, wird allmählich eifersüchtig. Seine Fantasie in diesem Reigen unausgelebter Gefühle besteht darin, das Konto des (wie man jetzt erfährt: sehr reichen) Intellektuellen elektronisch auszurauben.

Schließlich, auf einer kleinen Party, die Señior C. zur Feier des fertigen Manuskripts veranstaltet, trinkt Alan zu viel und benimmt sich so dämlich, dass Anya sich von ihm trennt. Am Schluss meldet sich Anyas Erzählstimme brieflich aus einer fremden Stadt. In einer rührenden Wandlung des Verhältnisses einer schönen jungen Frau und eines klugen alten Mannes in einen platonischen Liebesroman stellt sie sich vor, Señior C.s Hand in der Stunde seines Todes zu halten. In diesem Buch, das die Erzählstimmen Señior C.s, Anyas und des Schriftstellers Coetzee in oft verwirrender Unvermitteltheit miteinander verwebt, kommen reale Ereignisse immer nur gespiegelt vor, aus zweiter Hand. Die Kapitel bestehen aus Fantasien und Erinnerungen, politischen und gesellschaftskritischen Reflexionen. Benannt sind sie in der lakonischen Manier Francis Bacons oder Michel de Montaignes: On the Origins of the State, On Anarchism, On Democracy, On Terrorism, On Al Quaida. Was, zum Teufel, ist das eigentlich für ein Buch?

Ob ein Text kanonisch wird oder nicht, weiß man natürlich immer erst später. Aber wenn man am Ende dieses Jahrhunderts John M. Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres zum Kanon seiner Anfangsjahre zählen sollte, wäre es deshalb, weil hier ein weltbekannter Autor die Tür zu einer neuen Art des Erzählens aufgestoßen hat. Man könnte es das nicht fiktionale Erzählen nennen. Der heute fast unumschränkt als Leitgattung herrschende Roman wollte sich seit seinen Anfängen von dem vorausgehenden Versepos dadurch unterscheiden, dass er sich dem Leben annäherte. Heinz Schlaffer hat ihn in einem berühmten Aufsatz als "das letzte Stadium der Literatur" bezeichnet. So viel Kunstfertigkeit die Schriftsteller dem Roman auch angedeihen ließen, ihr höchster Triumph bestand seit dem 19. Jahrhundert darin, auf den Leser alles so wirken zu lassen, als sei es Wirklichkeit. Nicht zufällig sind alle naturalistischen Romane verfilmt worden.

Dieser Hunger nach der vollkommenen Fiktion brachte die gedanklichen Gehalte nach und nach in eine prekäre Lage. Die Wirklichkeit ist nicht intellektuell. Gedanken kommen in ihr nur als Gedanken von Menschen vor, im Kontext des Romans also: als Gedanken, die Figuren literarisch aussprechen oder die Leser nach der Lektüre haben. Dieses Paradox wurde in der Theorie des Realismus, vor allem bei Georg Lukács, durch die Idee des Typischen gelöst. Seither – und bis heute – kommen Ideen in Romanen verkleidet daher, als die Meinungen von Figuren oder im Gewand der Konstellationen, die sie miteinander eingehen. "Show, don’t tell", lautet das Mantra der amerikanischen Creative-Writing-Programme, die den Neonaturalismus der amerikanischen Nachkriegsliteratur und ihrer europäischen und südamerikanischen Schüler geprägt haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Wenn nicht alles täuscht, bekommt dieses naturalistische Modell in der Gegenwart Risse. Schon im letzten Jahrhundert integrierte zum Beispiel John Berger Reflexionen und essayistische Einschübe großflächig in das fiktionale Erzählen. In den letzten Jahren trat ein offen nicht fiktionales Erzählen in den Romanen Karl Ove Knausgårds, Tomas Espedals oder Emmanuel Carrères hervor. In Deutschland lässt sich das Werk Michael Rutschkys beschreiben als der groß angelegte Versuch, Ideen und soziologische Erkenntnisse erzählerisch zu gestalten. Alle diese Bücher setzten zwei Elemente, die im traditionellen Modell des Erzählens sozusagen gebunden gewesen waren, frei: erstens die Autobiografie und zweitens die essayistische Reflexion. Der Roman entdeckt damit Möglichkeiten wieder, die er lange verleugnet hatte. Musils monumentales essayistisches Erzählwerk, Der Mann ohne Eigenschaften, war auch deswegen Fragment geblieben, weil sich der Essay dem traditionellen Rahmen nicht fügen konnte. Die essayistischen Passagen in Thomas Manns Zauberberg, die bezeichnenderweise zwei dezidiert "typischen" Figuren in den Mund gelegt werden, dehnen das Modell bis zum Zerreißen der Form und werden bezeichnenderweise in einer lebensvoll-spannenden Klimax – einem Duell – gewaltsam in eine Fiktion des Lebendigen aufgelöst. Die Anfänge des Romans waren in dieser Hinsicht unbefangener: Goethes Lehrjahre – und vollends die Wanderjahre sind durchschossen von essayistischen und aphoristischen Formen, die hemdsärmelig in die Fiktion eingeschaltet werden.

In Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres kehren die frühen Möglichkeiten des Romans wieder. Der Ruhm des Nobelpreisträgers macht sie auf der großen literarischen Bühne salonfähig. Von nicht fiktionaler Literatur, so kann man prophezeien, werden wir noch einiges hören und lesen. Diese künftigen Bücher könnten sich auf das Tagebuch eines schlimmen Jahres als auf ihren Klassiker berufen und Coetzees Buch damit – möglicherweise – zu einem kanonischen Buch des Jahrhunderts machen.

J. M. Coetzee: "Tagebuch eines schlimmen Jahres". Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer, Frankfurt am Main 2010. 240 Seiten, 10,95 €.